Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Brauchen wir noch eine Didaktik? Gespräch mit Martin Lindner

Eine gute Frage! Und Martin Lindner erklärt: Didaktik ist eigentlich nichts anderes als eine „Notlösung“, um die Weltfremdheit unserer Bildungssysteme und -institutionen aufzufangen. Was für ihn auch in der „infantilisierenden Wirkung“ zum Ausdruck kommt, die der Begriff verbreitet: da ist jemand, der weiß, wie es geht, und jemand, dem Didaktik angetan wird.

Wie sieht der Ausweg in Zeiten des offenen, selbstorganisierten, vernetzten Lernens aus? Ist es die „Ermöglichungsdidaktik“, in die sich heute alle retten. Martin Lindner spricht lieber von „direkter Hilfe“ und von „Design“. Wie auch immer, ein Thema mit Potenzial …
Anja C. Wagner, Interview mit Martin Lindner, ununi.TV, 17. Juli 2013 

3 Responses to “Brauchen wir noch eine Didaktik? Gespräch mit Martin Lindner”

  1. Frank Vohle

    Abschied von der Didaktik?
    Es ist immer ein guter Aufreißer, wenn man alteingessene und eingespurte Wege in Frage stellt – hier am Beispiel der Aufhebung der Didaktik. Natürlich braucht keiner „Infantilisierung“, das wäre ein völliges Missverständnis von Didaktik. Aber was wir ganz sicher brauchen sind Fachleute zum Lehren und Lernen (mit Medien), die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit erfolgreiche und stabile Lernszenarien in Organisationen aufbauen und Lehrende (also Fachleute im body-to-body dialog) die geplant und spontan guten Unterricht machen. Wie nennen wir die? Nothelfer?
    Nun kann man eine Vision vom selbstorganisierten Lernen haben, ohne LehrerInnen und ohne einen vorgedachten Weg. Aber: Dies wäre selbst wieder eine didaktische Vision, die auf Strategien und Methoden aus der Didaktik zurückgreift. Didaktik ist nicht convinience food! Didaktik will nicht satt machen, sondern hungrig. Didaktik will Verstehen und Beteiligung ermöglichen, im besten Fall so, dass jeder sich (selber) findet.
    Ich habe einen Verdacht: Ihr habt schlechte Erfahrung mit „Didaktik“ gemacht (Metapher vom guten Hirten und Verkindlichung). Vorgedacht, vorgekaut, vereinfacht, mittelbar, überbetreut, künstlich, … nicht das Leben. Und nun sagt ihr, es geht auch ohne, besser sogar, vor allem für die Starken, die keine Hilfe brauchen. Aber noch mal: Wenn ich Studenten mit einem komplexen, authentischen Problem konfrontiere und sage: „Jetzt macht mal schön“, dann ist das eine didaktische Entscheidung, dann ist das ein Szenario mit schwacher Rahmung und schwacher Klassifikation (Bernstein).
    Und schließlich: Was bringt es, wenn ihr die Didaktik (hier selbstverständlich als didaktische Design!!!) über Bord werft? Eine Entfesselung, wohin? Am Ende entwirft Martin ein Szenario (Sommerschool, Projektarbeit via Online, normale Arbeit), das du für das 21Jh für angemessen findest. Aber DAS geht doch klar in Richtung didaktisches Design, … da könnte man nun weiter machen und Fragen: Wie denn jetzt genau „sommer school“, was sollen die Tn bei der Projektarbeit machen, wie hängen sommer school mit Projektarbeit zusammen, wie sieht eine Idee der online-Arbeit aus? Darf man darüber nicht nachdenken, ist das schon „verplant“??
    Grüße aus Wolfratshausen, Frank

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  2. Jochen Robes

    Natürlich provoziert die Frage, provoziert Martin. Die „Didaktik“ steht hier stellvertretend für Prozesse und Institutionen, die man verändern will. Oder die sich in bestimmten Bereichen wie z.B. dem Netz bereits verändert haben. Ansonsten: Ich habe bei allen deinen Sätzen genickt. Mit einem Augenzwinkern. Deine Argumente sind ja auch bestechend: Sobald man über das Lernen nachdenkt, verhält man sich irgendwie schon „didaktisch“ 😉 Auch Martin und Anja.

    Und trotzdem glaube ich, dass sich heute immer mehr Menschen „lernend“ durch den Alltag und durch das Netz bewegen und so, wie sie an klassische Bildungsinstitutionen „vorbei“ lernen, so rückt (für sie!) auch die klassische Didaktik in den Hintergrund. So, in die Richtung, habe ich das Interview verstanden.
    Gruß, Jochen

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  3. Frank Vohle

    Ok, verstanden. 🙂 Aber … wenn es Martin und Anja um dieses „lernend durch den Alltag“ geht, abseits der klassischen Bildungsinstitutionen, dann passt doch persönliches Wissensmanagement gut, oder? Da steht mit Didaktik der/die Falsche im Gerichtssaal.

    Aber vielleicht geht es am Ende auch um etwas Grundsätzliches, um einen (politischen) „Lern-Ruck“ … und da doktern wir alle mit unterschiedlichen Medikamenten rum: Lern- und Wissensmanagement, Change, didaktisches Design, flipped und blended, body & virtual, selbst & social, tools & culture 2.0. Ein einzelner Begriff kommt immer an seine Grenze. Also blended intelligence, wir können auf keine Ressource verzichten. Grüße! Frank

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