Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Informelles Lernen als Führungsaufgabe. Problemstellung, explorative Fallstudien und Rahmenkonzept

scil_201303.jpgBeim Titel habe ich kurz gezögert, weil er ja auch als Widerspruch gelesen werden kann. Denn das informelle Lernen soll ja gemeinhin gerade dort stattfinden, wo Führung und Steuerung nicht im Vordergrund stehen und wo sich der Mitarbeiter aus eigenem Antrieb Informationen und Antworten sucht. Andererseits funktioniert das nur, wo es entsprechende Rahmenbedingungen, also Unterstützung, Freiräume und Angebote, gibt. Von daher ist der Titel nicht schlecht gewählt.

Folgende Forschungsfragen stehen im Mittelpunkt dieses Arbeitsberichts:
„- Wo und wie findet informelles Lernen in Personalentwicklungsbereichen von Unternehmen statt?
– Welche Rolle und Bedeutung haben Führungskräfte im Bereich PE / L&D für das informelle Lernen ihrer Mitarbeitenden?
– Wie kann ein integrierendes Rahmenmodell für informelles Lernen in Organisationen unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Führungskräften aussehen?“
(S. 3)

Um diese Fragen zu beantworten, wurden fünf Fallstudien durchgeführt. Die Unternehmen Caterpillar, Deloitte, IBM, Siemens und UBS waren bereit, über die Bedeutung und Praxis des informellen Lernens in ihren Unternehmen ausführlich Auskunft zu geben. Ansprechpartner waren in allen Fällen die Bildungsbereiche der genannten Unternehmen. Kurz eine Auswahl der Ergebnisse dieser Fallstudien:

„- In allen untersuchten Bildungsorganisationen wird dem informellen Lernen eine hohe Bedeutung zugemessen. … (53)
– In allen untersuchten Organisationen werden Web 2.0-Technologien als ein wichtiges Werkzeug zur Unterstützung von informellem Lernen gesehen. … (53)
– Bei allen untersuchten Bildungsorganisationen finden sich umfangreiche Landschaften mit zahlreichen sowohl formalen als auch informellen Lern- und Entwicklungsformen für ‚learning professionals‘. … (54)
– Bei allen untersuchten Bildungsorganisationen wird die Unterstützung informellen Lernens als Führungsaufgabe gesehen. … (54)

Wenn man weiter liest, erfährt man aber auch, dass die Lernlandschaften dieser Unternehmen sehr bunt sind, dass sie informelles Lernen an zum Teil sehr unterschiedlichen Aktivitäten und Prozessen festmachen, ja, dass dieselbe Aktivität im einen Unternehmen als informelle Lernform und im anderen als formelle Lernform betrachtet wird. Auch die Bedeutung der Web 2.0-Technologien wird zwar von allen unterstrichen, aber in der Praxis höchst unterschiedlich gelebt. Das beruhigt mit Blick auf den Titel des Arbeitsberichts fast schon wieder.

Auf zwei Punkte möchte ich noch kurz hinweisen: Im Arbeitsbericht steht viel über die sich verändernden Aufgaben und Rollen der Führungskräfte, aber die wiederkehrenden Hinweise auf eine „Ermöglichungsdidaktik“ scheinen mir vieles genau auf den Punkt zu bringen: „Mitarbeitende erhalten einen grossen Freiraum in der Umsetzung und Gestaltung ihrer Lern- und Arbeitsprozesse und Führungskräfte unterstützen diese aktiv darin.“ (20)

Etwas komplizierter heißt es dann noch im Schlussteil des Berichts: „Arbeitsorganisationsformen auf betrieblicher Ebene müssen mit Gestaltungsformen der Lehr-/Lernorganisation parallelisiert werden.“ (58) Ich habe das für mich einmal so übersetzt: „Freiräume im Lernen müssen mit Freiräumen in der Arbeit einhergehen. Soweit das beim Informellen Lernen überhaupt noch getrennt betrachtet werden kann.“

Weitere Kapitel des Arbeitsberichts stellen z.B. verschiedene Konzepte rund um das Lernen in Organisationen vor; die Lernlandschaften der befragten Unternehmen werden als Übersichten dargestellt; und abschließend werden noch Umrisse einer lernförderlichen Führungsarbeit skizziert. Eine interessante Lektüre, die aufzeigt, wie wichtig das Thema ist, aber auch, wie unterschiedlich es gelebt werden kann. Eine einfache Formel für das Informelle Lernen kann und wird es nicht geben. Bleibt zu hoffen, dass es bald eine Übersetzung dieses Arbeitsberichts aus dem „Akademischen“ für die Praktiker vor Ort gibt …
Sabine Seufert, Tanja Fandel-Meyer, Christoph Meier, Ilona Diesner, Sina Fäckeler und Saskia Raatz, scil Arbeitsbericht 24, Januar 2013

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