Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek

jeanneney2007.gif
Vielleicht wird man später mal sagen, dass es die erste größere Streitschrift gegen Google gewesen ist, die Jean-Noel Jeanneney, Präsident der Französischen Nationalbibliothek, unmittelbar nach Ankündigung des Projekts „Google Print“ (mittlerweile „Google Book Search“) am 14. Dezember 2004 verfasst hat. Im Januar 2005 ein erster Artikel in Le Monde, im Dezember 2005 erweitert zum vorliegenden Buch, im Februar 2006 die deutsche Übersetzung. Und im Mai 2007 (endlich) meine Urlaubslektüre.

Zunächst einmal begrüßt Jeanneney uneingeschränkt das Projekt der Digitalisierung von Millionen von Büchern, sieht er doch einen alten Menschheitstraum in Erfüllung gehen, den „Traum von der Erschließung aller Wissensschätze“ (20). Doch dann tritt er sofort auf die Bremse: Kann es sein, dass wir die Realisierung dieses Traums einem Unternehmen, Google, anvertrauen? Nein, sagt Jeanneney, dieses Projekt ist eine öffentliche Aufgabe von so großer Bedeutung, dass es einen politischen Gestaltungsrahmen verlangt!


Jeanneney hat zuerst einmal generelle Bedenken: Kulturelle Fragen können nicht den Mechanismen des Marktes überlassen werden. Google, das ist der Primat des Shareholder Values und des Anzeigengeschäfts. Kultur, das sind jedoch in den Augen Jeanneneys gleichberechtigt nebeneinander Mainstream und Minderheiten. Schlimmer noch, Google als amerikanisches Unternehmen verkörpert zudem den Hegemonieanspruch amerikanischer Kultur – woran Jeanneney als Vertreter des „alten Europa“ immer wieder gerne erinnert.

Auf die spezielleren Bedenken Jeanneneys – Fragen der Buchauswahl, des Modus der Digitalisierung usw., – will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Bei einem Projekt, das in so großem Tempo voranschreitet, ist hier vieles zwangsläufig vorläufig und spekulativ.

Alles, was Jeanneney schreibt, leuchtet ein und verdient Aufmerksamkeit. Nur sein Gegenentwurf, die „Europäische Digitale Bibliothek“, die er von der Politik einfordert, ist unscharf und abstrakt. So schreibt Jeanneney mit Blick auf die Kosten einer „Europäischen Digitalen Bibliothek“: „Zahlen werden am Ende immer wir Bürger, entweder als Steuerzahler oder als Konsumenten.“ (70) Ich glaube, es kommt noch schlimmer: Wir werden am Ende zweimal zahlen, als Steuerzahler und als Konsumenten – als Steuerzahler, weil wir es uns nicht leisten können, Kultur einzig dem Prinzip des „Pagerank“ zu unterwerfen; und als Konsumenten, weil wir neugierig sind und nicht auf eine europäische Antwort warten wollen. Das Nein der Franzosen zur Europäischen Verfassung am 29. Mai 2005 gibt einen ersten Vorgeschmack (und Jeanneney einen ersten Dämpfer).
Jean-Noël Jeanneney, Berlin (Wagenbach) 2006
[Kategorien: Zukunft des Internet]