Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

„Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein“

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Die Podcasting-Plattform des Hamburger MMK entpuppt sich immer mehr als ein kleines Schatzkästlein. Heute habe ich diese Veranstaltung mit Hartmut von Hentig gefunden. Sie datiert vom 2. April dieses Jahres und ist Teil des vom KörberForums veranstalteten Hamburger Bildungsdiskurses. Man darf hier hören, wie von Hentig, mittlerweile über 80 Jahre alt, sich und seine Vorlieben sehr amüsant einführt, bevor er sich seinem aktuellen Thema, der „Entschulung der Mittelstufe“, zuwendet (Foto Jann Wilken, links Reinhard Kahl, rechts Hartmut von Hentig). Doch darauf will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, sondern lieber einen anderen Zusammenhang herstellen:

Hartmut von Hentig gehörte nämlich in den achtziger Jahren zu den ersten Pädagogen, die sich mit der Rolle des Computers in der bzw. für die Bildung auseinandergesetzt haben. „Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. Ein Pädagoge ermutigt zum Nachdenken über die Neuen Medien“ heißt das schmale Werk, in dem Hentig 1984 seine kulturkritischen Gedanken zusammenfasste (und das im Werkverzeichnis Hentigs auf Wikipedia fehlt, wie ich gerade festgestellt habe).


Wie ist man vor über zwanzig Jahren als Pädagoge mit dem Computer umgegangen? Nun, für von Hentig wie für viele andere war der Computer damals noch eine black box, eine technische Entwicklung, in die man bestimmte Befürchtungen und Gefahren hinein projizierte. Die Technik an deutschen Schulen, soweit ich mich erinnere, war damals die der Sprachlabore und, teilweise, des Videorecorders. Die Grundlage vieler Befürchtungen war damals also keine empirische, sondern eine moralische: Nur die unmittelbare Erfahrung, das unmittelbare Erleben, so lesen wir nicht nur bei von Hentig, erlaubt die nicht-entfremdete Auseinandersetzung mit der Umwelt. Die durch ein Medium – gleich, ob Fernsehen oder Computer – gemachten Erfahrungen sind „Ersatz“ und „Erfahrungen aus zweiter Hand“. Auch von Hentig spricht von der „Enteignung der Erfahrung“, von „Entfremdung“ und von der „uferlosen Mediatisierung unserer Wahrnehmungen, Vorstellungen, Beziehungen“ (Seite 55).

Vor diesem Hintergrund kritisiert von Hentig, dass viele Entscheidungen unaufgeklärt getroffen werden, „ohne Rücksicht darauf, was Menschen bekommt, was sie verkraften, was sie als Individuen und Gemeinschaften stärkt“ (55). Ich halte diese Argumentation für wichtig, soweit sie unser Bewußtsein für bestimmte Entwicklungen und ihre Folgen schärfen will. Ich halte sie aber aus zwei Gründen auch für problematisch:
– Zum einen transportiert sie die Unterstellung, dass Menschen nur ein bestimmtes Maß an Technologisierung, Computerisierung und Mediatisierung „verkraften“. Diese Behauptung stützt sich jedoch einzig auf die Perspektive und das Maß des jeweiligen Betrachters!
– Zum anderen muss man aus heutiger Sicht feststellen, dass Technologie und Alltag soweit miteinander verwoben sind, dass es keinen Sinn mehr macht, von Erfahrungen erster und zweiter Hand zu sprechen. Hier könnte man allenfalls als Kulturkritiker der Achtziger resignierend feststellen, dass genau das eingetroffen ist, vor dem man zu warnen versuchte. Aber dann gilt wiederum die oben genannte Problematik …

Während man heute mit Blick auf Web 2.0 und Social Software vor allem vom Potenzial des Computers, der Netze und ihrer Software schwärmt, sah man den Computer vor zwanzig Jahren – vor allem im sozialwissenschaftlichen Diskurs, der sich das Feld der Technologiefolgenabschätzung zu erobern versuchte – fast ausschließlich als Bedrohung. Auch der Pädagoge von Hentig warnt davor, dass hier ein Medium über sich hinauszuwachsen droht, dass das Werkzeug selbst zum Zweck wird, dass es den Menschen – und das heißt hier vor allem: den Lehrer – an den Rand des Geschehens drängt.

Was heute aber im Rückblick auf die Arbeiten von Hentigs (und anderer) fehlt, ist – gerade an der Schnittstelle von Bildung und Web 2.0 – eine Kulturkritik, die über das Beschreiben von einzelnen Technologien und Projekten hinausgeht. Wir finden sie hier und da in Ansätzen, hierzulande jedoch zumeist von PISA und Bologna überdeckt. Und dann ist – aber das ist wirklich meine letzte Anmerkung, bevor ich das Buch wieder ins Regal stelle – die Form, in der von Hentig diese Kritik betreibt, allemal sympathischer als die eines, sagen wir, Manfred Spitzer.
Hartmut von Hentig, Hamburger Bildungsdiskurs, KörberForum, 2 April 2007 (via podcampus)
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