Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Korallenriff im nährstoffarmen Meer

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Alexander Kluge, mit dessen „Öffentlichkeit und Erfahrung“ ich mal ein ganzes Semester verbracht habe und dem ich wichtige Lebenshilfen wie „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ verdanke, ist hier zur Suhrkamp-Kultur befragt worden; dabei hat er sich zu ein paar interessanten Äußerungen hinreißen lassen, die das Nebeneinander von Buch und Internet betreffen:

NZZ: „Sie haben gesagt, mit dem Internet komme ein neuer Gutenberg …
Kluge: . . . weil wiederum jeder sich ausdrücken kann. Zwar zunächst unqualifiziert. Die ersten Druckschriften von Gutenberg sind furchtbaren Inhalts. Oder die Flugschriften im Bauernkrieg.

NZZ: Sie raten also dem Suhrkamp-Verlag dringend, auf Online-Publikationen umzustellen?
Kluge: Nein. Die erste Reihe publizistischer Online- Portale besteht aus Medien wie «Spiegel online» oder «NZZ online» usw. Dahinter die zweite Ebene, wo sich jeder äussern darf. Dann gibt es eine dritte Ebene, und da hört das Unqualifizierte auf. Stattdessen: Neuerfindung der Gründlichkeit und des Kommentars. Die Formen, die uns da begegnen, sind unakademisch geordnet, und die einzelnen Elemente können kurz sein, Filme von drei Minuten zum Beispiel. Die Komplexität wächst mit der Vernetzung. Wir können in der Tiefenebene des Internets die alten Gründlichkeiten wiederbeleben. Bis hin zu Thomas von Aquins Methode des Kommentars. Das Einzige, was wir nicht wiederbekommen, ist der Autor, der ruft «hier bin ich, ich verwandle alle Herbstblätter in eine traurige Stimmung».

NZZ: Verlage jedoch, solange sie noch gedruckte Werke produzieren – was wird aus ihnen in einer Internetwelt?
Kluge: Die Bücher bleiben.“

Interview mit Alexander Kluge, NZZ, 29 Januar 2007