Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Die digitale Wissensrevolution – Netzwerkmedien, kultureller Wandel und die neue soziale Wirklichkeit

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Ein wirklich anregender Artikel, der viele aktuelle Entwicklungen anspricht! Im Sommer hatte ich weite Teile der “Google-Gesellschaft” gelesen, wollte auch etwas darüber schreiben, bin dann aber doch an der Vielfalt der Beiträge “gescheitert”. Hier beschreibt nun Michael Schetsche, Privatdozent in Freiburg und einer der Herausgeber der “Google-Gesellschaft”, sehr anschaulich an sechs Beispielen, was den sozialen und kulturellen Wandel der gegenwertigen Netzwerkgesellschaft (Manuel Castells) auszeichnet.

Die sechs Veränderungen sind:
1. die neue Ordnung des Wissens, die u.a. die Trennung zwischen Fakten und Fiktionen tendenziell aufhebt;
2. die soziale Steuerung durch technische Normen: die algorithmischen Normen sind “nicht hintergehbar”;
3. die automatischen Archiv-Funktionen des Netzes: “Das Netz hat kein Gedächtnis.”
“Da das Netz fast allen Versuchen widersteht, einmal digitalisierte Informationen wieder aus der Netzzirkulation zu entfernen, wird der Kampf früherer Kulturen gegen das Vergessen zu einem individuellen wie politischen Kampf um die Möglichkeit des Vergessens.”

4. die Ergänzung der Tausch- durch die Geschenkökonomie
5. die Aufhebung der Leitdifferenz zwischen ‘öffentlich’ und ‘privat’ – mit Konsequenzen:
“Entsprechend verlieren die Normen zum Schutz der Privatsphäre (wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht) ihre Bedeutung, weil es keine Bedürfnisse der Subjekte mehr gibt, die sie schützen könnten.”

6. die Dialektik von Möglichkeit und Zwang permanenter Kommunikation: mit Krankheitsbildern wie dem “hyperkommunikativen Sozialcharakter” oder dem “Kommunikationsdefizit-Syndrom”, mit dem die stigmatisiert werden, die sich der permanenten Erreichbarkeit widersetzen.

Man wird bei der Lektüre sicher nicht alle Beispiele gleich einschätzen, aber dazu trägt vor allem, so der Autor, deren Ambivalenz und Widersprüchlichkeit bei. Erschwerend kommt hinzu, dass wir permanent versuchen, das Neue mit Hilfe des Alten zu erklären:
“Was wir heute bei sozialen, ökonomischen und insbesondere staatlichen Institutionen als Reaktionen auf die geschilderten Veränderungen beobachten können, folgt immer wieder demselben Muster: Die Beurteilung der Entwicklungen des 21. Jahrhunderts erfolgt auf Basis nicht nur der Maßstäbe, sondern vielfach auch der Ideen und Ideologien des 20. Jahrhunderts. Das gilt etwa für Fragen des Urheberrechts und des Jugendschutzes, für Probleme von Anonymität und Datenschatten, für das Verhältnis von Arbeit und Freizeit oder auch die Abgrenzung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.”
Michael Schetsche, in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3
[Kategorien: Zukunft des Internet, New Thinking]