Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

E-Learning Top Ten Readings 2006

Was mir wieder auffällt, wenn ich Ereignisse, Erfahrungen und Eindrücke dieses Jahres Revue passieren lasse: Es gibt – mindestens – zwei Sichtweisen auf e-Learning: In der einen Welt, der betrieblichen Weiterbildung, ist die Rede vom Web-based Training. Hier entwickeln wir Programme mit einer bestimmten Lerndauer, mit einer definierten Anzahl von Seiten und einer Schnittstelle mit einer Lernplattform. Die Didaktik ist bekannt: Eine feste Abfolge von Informationen, Lernerfolgskontrollen und Testaufgaben, mit multimedialen Anteilen und interaktiv, mal streng geführt, mal fallorientiert, mal mit spielerischen Elementen.

Es gibt einige gute Gründe für diese Art von Lernprogrammen: Eine komplexe Beratungssoftware muss geschult, Grundlagenwissen soll vermittelt werden. Mitarbeiter oder Partner sollen aktuelle Produkte beherrschen, um sie optimal anbieten und verkaufen zu können. Hier geht es nicht um Freiheiten oder Spielräume; im Gegenteil, von den Vorteilen und dem Nutzen eines Produkts, über die „Verpackung“ dieser Attribute gegenüber dem Kunden, bis zum begleitenden Einsatz der Software soll alles punktgenau und effizient umgesetzt werden. Kurz, Mitarbeiter sollen geführt werden.

Es gibt aber auch gute Gründe, bei dieser Art von Lernprogrammen nicht stehenzubleiben: Vor einigen Tagen erzählte mir ein Trainingsmanager eines Automobilkonzerns, dass ihre Verkäufer und Vertriebspartner heute über 25 Automodelle kompetent beraten müssen! Dabei konkurrieren unzählige Produktinformationen, Werbe- und Marketingbroschüren sowie Trainings um die Zeit und Aufmerksamkeit dieser Verkäufer! Dieser Zustand wirft sicher verschiedene Fragen und Probleme auf; aber ein Punkt betrifft auch die Informationskompetenz der Verkäufer, die Fähigkeit, sich schnell die Informationen zu holen, die gerade benötigt werden; vielleicht in einer Mischung von „push“ und „pull“, mit Zugriff auf Expertensysteme und Wissensdatenbanken, RSS und Social Software … Das wäre die Zukunft!

Damit haben wir uns schon der anderen Welt genähert, in der ich auch zu Hause bin: e-Learning 2.0 oder informelles e-Learning, wie es in aktuellen Kurzformeln so schön heißt. Das Weiterbildungsblog bzw. das e-Learning, das ich selbst praktiziere, wenn ich mir aus verschiedenen Quellen die Informationen zusammensuche, gehören dazu. flickr, furl, bloglines, slideshare, xing und wie sie alle heißen. Diese Form des e-Learnings hat in Corporate Learning noch keine Heimat; es gibt keine Geschäftsmodelle, eher Fragen und Zweifel, wie die von Johannes Bruhn von der Münchener Rück, der jüngst sinngemäß äußerte: Lasst uns doch erst einmal unsere frisch installierten Lernplattformen nutzen, bevor wir uns dem Web 2.0 zuwenden!

Diese Vorsicht ist mit Blick auf vergangene Fehlinvestitionen gut zu verstehen; sie blendet allerdings aus, dass es dieses e-Learning jenseits der Lernplattformen, der Curricula, des Web-based Training und der Online-Tests bereits gibt. Bei e-Learning 2.0 geht es allerdings weniger um neue Technologien oder zusätzliche Kosten; sondern um die Entwicklung bestimmter Rahmenbedingungen, in denen selbst organisiertes, informelles Lernen stattfinden kann. Und mit denen Menschen aktiv arbeiten können, jene digital natives, knowledge worker und manager, deren Bedürfnisse und Interessen über ein Web-based Training hinausgehen.

Aber genug davon an dieser Stelle. Denn diese Zeilen versuchen nur zu erklären, warum meine Lieblingslektüre des vergangenen Jahres mit allen möglichen Themen zu tun hat, aber nicht mit klassischem Web-based Training. Denn gelehrt und trainiert wird seit Urzeiten. Der Rest ist aus meiner Sicht, aus Sicht eines Anbieters, Projektmanagement. Die Kultur des „rip, mix & learn“ stellt die spannenderen, neuen Themen.

Meine (e-)Learning – Top Ten Readings 2006

  1. E-Learning: Glanz und Elend an der Hochschule, Paneldiskussion der GMW-Tagung, September 2006
  2. „In diesem Modul können Sie die Paneldiskussion der GMW-Tagung 2006 auf Video anschauen und auch kommentieren. Die Paneldiskussion dauerte insgesamt 100 Minuten. Sie unterteilt sich in 5 Abschnitt: (a) Einleitung, (b) E-Learning für Arme, (c) E-Learning für Reiche, (d) E-Learning von oben, (e) E-Learning von unten.“

  3. Über die Ketten der Wissensgesellschaft, Richard Sietmann, Juni 2006
  4. „Seitdem die Wissenschaftsverlage das Clickstream-Business entdeckt haben, prallen im Internet zwei Kulturen aufeinander. Der Grundsatz, dass die Ergebnisse der öffentlich finanzierten Forschung öffentlich zugänglich sein sollten, kollidiert mit den Profitinteressen der Verwerter, die überwiegend an die öffentlichen Forschungseinrichtungen wieder vermarkten, was ihnen die angestellten oder beamteten Forscher kostenlos und satzgerecht formatiert zur Verfügung stellen.“

  5. The Strength of Internet Ties, Pew Internet & American Life Project, Januar 2006
  6. „This report confronts one of the great debates about the internet: What is it doing to the relationships and social capital that Americans have with friends, relatives, neighbors, and workmates? Those on one side of the debate extol the internet’s ability to expand relationships — socially and geographically. Those on the other side of the debate fear that the internet will alienate people from their richer, more authentic relations.“

  7. Podcasting, wikis and blogs: Learning at the BBC, Nigel Paine, August 2006
  8. „We’re hearing the buzz around Podcasting, Wikis and Blogs for education but what about real applications? An informal interview with Nigel Paine provides fascinating insight into how these technologies have revolutionized knowledge sharing at the BBC …“

  9. You Play World of Warcraft? You’re Hired!, John Seely Brown und Douglas Thomas, April 2006
  10. „Gaming tends to be regarded as a harmless diversion at best, a vile corruptor of youth at worst. But the usual critiques fail to recognize its potential for experiential learning. Unlike education acquired through textbooks, lectures, and classroom instruction, what takes place in massively multiplayer online games is what we call accidental learning.“

  11. What Lies Beyond E-Learning?, Marc J. Rosenberg, März 2006
  12. „To be more influential, e-learning must be reinvented. While continuing to provide a viable instructional option in a formal learning setting, it must also move toward informational and collaborative solutions that focus more prominently on the specific jobs people do. It must move beyond courseware and classrooms and into work. To reinvent e-learning is, in many ways, to reinvent learning itself.“

  13. The Horizon Report, The New Media Consortium, März 2006
  14. „Each year, the report describes six areas of emerging technology that will have significant impact in higher education within three adoption horizons over the next one to five years.“

  15. Rise of the Participation Culture, CTD, November 2006
  16. „Josiah is a 20 year old college student who hasn’t known a time when he didn’t have access to a computer. For him, computers have always been available in school, and he simply expects that he will have one to use. Doing so is second nature to him. He also knows that internet access (usually wireless) will be readily available wherever he goes, and if some resource he needs is not yet available at the click of a mouse today, it’s just a matter of “when” and not “if” it will be.“

  17. DIGITAL MAOISM: The Hazards of the New Online Collectivism, Jaron Lanier, Mai 2006
  18. „The beauty of the Internet is that it connects people. The value is in the other people. If we start to believe that the Internet itself is an entity that has something to say, we’re devaluing those people and making ourselves into idiots.“

  19. Competing in a „flat“ world, Richard Straub, Mai 2006
  20. „The knowledge worker of the 21st century can no longer rely on the way learning was delivered in the 20th and preceding centuries. In fact, traditional education has seen little innovation since the inception of universities and schools. To address today’s challenge of lifelong learning in new ways, technology will play a larger role by enabling and enhancing learning processes with speed, flexibility and individualisation.“