Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Zu viel Wissen geht in den Ruhestand

In ihrem Dezember-Newsletter hat die Weiterbildung Hamburg e.V., aber nicht nur sie, eine aktuelle Untersuchung des MMB Instituts für Medien- und Kompetenzforschung aufgegriffen. Im Auftrag der LEARNTEC hatte das Institut im September Personal- und Bildungsverantwortliche in deutschen Unternehmen befragt und einige Ergebnisse bereits vorgestellt (hier). Eine Frage der Untersuchung „Ageing Workforce“ lautete: „Was schätzen Sie: Wenn ein älterer Mitarbeiter aus Ihrem Unternehmen ausscheidet, wie viel Prozent seines betrieblichen Know-hows gehen dem Unternehmen dann verloren?“ Im Durchschnitt „35 Prozent“, antworteten die Personal- und Bildungsverantwortlichen.

Im Newsletter aus Hamburg wird diese Zahl ein „alarmierendes Ergebnis“ genannt. Ich sehe das etwas nüchterner, und zwar aus zwei Gründen: Wenn man sich zum einen die Frage genau anschaut, dann ermuntert sie die Interviewten, ihrem Bauchgefühl Ausdruck zu verleihen. Denn auf welcher Grundlage antworten sie, dass zehn, zwanzig, vierzig oder neunzig Prozent des Know-hows verloren gehen? Auf der Grundlage heimlich eingeführter Wissens- oder Kompetenzbilanzen? Kurz, man darf annehmen, dass die Antworten gegeben wurden, ohne dass man ein klares Bild vom „Know-how“ der Mitarbeiter hat und ohne dass man über Instrumente verfügt, dieses zu messen. Können aber solche Antworten dann „alarmieren“?

Zum anderen ist es wahrlich kein neues Phänomen, dass jüngere wie ältere Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen. Man darf annehmen, dass sich Unternehmen auf Pensionierungen wie auch die Fluktuation von Mitarbeitern einstellen. Entsprechende Personalinstrumente sind da – und werden auch in der Studie des MMB beim Namen genannt. Wenn sie nicht in ausreichendem Maße ein- und umgesetzt werden, ist das und nicht der Know-how-Verlust ein „alarmierendes Ergebnis“. Denn „35 Prozent“ Know-how-Verlust würden mich heute schon und bei jedem einzelnen Mitarbeiter ärgern!

Ich befürchte jedenfalls, dass mit dem Stichwort des „demografischen Wandels“ uns die nächsten Monate noch viele Probleme präsentiert werden, bei denen man genau hinschauen muss, ob sie die Aufregung lohnen.
Weiterbildung Hamburg e.V., Newsletter 12/2006
[Kategorien: Weiterbildung allgemein, Knowledge Management, HR Management]