Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Wikipedia

Wikipedia und kein Ende! Was ist der aktuelle Stand? Zum einen: Die Qualitätsdebatte hat sich verändert. Wikipedia wird ernst genommen, wenn auch die klassischen Enzyklopädisten aus dem Hause Britannica ihr Modell für das Überlegene halten. Ihr Argument: Will Wikipedia die Qualität seiner Beiträge verbessern, wird es das offene Editieren einschränken müssen und sich somit zwangsläufig dem Britannica-Modell annähern. Das ist sehr schön nachzulesen in einem interessanten Email-Interview zwischen Jimmy Wales, dem Gründer von Wikipedia, und Dale Hoiberg, Editor in Chief der Encyclopaedia Britannica.

Aber, zum anderen, auch die Wikipedia-Community selbst steht unter Beobachtung. Wer schreibt? Und wie funktioniert diese virtuelle Gemeinschaft der Unbekannten? Hier ist Aaron Swartz kürzlich zu überraschenden Erkenntnissen gekommen. Da weist, so der Autor, gerade Jimmy Wales immer wieder darauf hin, dass Wikipedia fast wie ein „normales“ Projekt funktioniere: Keine Schwarmintelligenz sei hier am Werk, sondern eine feste Community, eine „Gang of 500“, die für die Mehrheit der Einträge sorge. So der Gründer von Wikipedia. Doch Aaron Swartz hat sich die Geschichte einiger Artikel genauer angeschaut und ist zu einem anderen Bild gekommen. Denn den „Kern“ dieser Artikel liefern Außenstehende, während die Community in ungezählten Beiträgen diesen Kern redigiert und auf Wikipedia-Standard bringt! Diese Außenstehenden zu ignorieren, ist fahrlässig, wenn es um die Zukunft von Wikipedia geht: „Unfortunately, precisely because such people are only occasional contributors, their opinions aren’t heard by the current Wikipedia process. They don’t get involved in policy debates, they don’t go to meetups, and they don’t hang out with Jimbo Wales.“

Und wer mit der Arbeit in Gruppen generell seine Schwierigkeiten hat, lese den Artikel von David H. Freedman: „The effectiveness of groups, teamwork, collaboration, and consensus is largely a myth. In many cases, individuals do much better on their own. Our bias toward groups is counterproductive. And the technology of ubiquitous connectedness is making the problem worse.“ Der Artikel ist etwas ausgewogener als es das Zitat vermuten lässt. Aber er erinnert zu Recht daran, dass in vielen Situationen „the wisdom of crowds“ ein unerfüllter Wunsch bleibt.
Will Wikipedia Mean the End Of Traditional Encyclopedias?, The Wall Street Journal Online, 12 September 2006
Aaron Swartz, Raw Thought, 4 September 2006
David H. Freedman, What’s Next: The Idiocy of Crowds, Inc. Magazine, September 2006
[Kategorien: Zukunft des Internet, Social Software]

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