Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Microlearning 2006

Ich bin gerade aus Innsbruck von der Microlearning 2006 zurückgekommen – und noch dabei, etwas Luft zu holen! Es hat sich wirklich gelohnt: Stephen Downes und George Siemens aus Kanada waren da, Richard Straub von IBM, Michael Kerres aus Duisburg/ Essen, der wohl zum ersten Mal in seinem Leben als Autor eines Wikipedia-Eintrags („Web 2.0“) angekündigt worden ist, Martin Röll und Sebastian Fiedler, und viele andere mehr. Und alles wurde charmant von Peter Bruck, Theo Hug und Martin Lindner, Research Studios Austria, zusammengehalten.

Einige Bälle der letzten Tage will ich kurz weiterspielen. Da ist zum einen Microlearning, der Begriff, die Klammer der Konferenz, aber natürlich auch das Buzzword, bei dem sich jeder fragt, was dahinter stecken könnte (aktuell z.B. Gabi Reinmann). Für mich haben sich über alle Beiträge hinweg zwei Lesarten herausgestellt:

Zum einen schließt Microlearning unmittelbar an die Diskussionen um „Web 2.0“ und „e-learning 2.0“ an. Eine interessante Spurensuche hat z.B. Martin Lindner in Innsbruck in seinem Beitrag präsentiert (von „Microlearning“, „Microknowledge“ bis „Micromedia“ und „Microcontent“). Wobei ja vor allem Microcontent als Begriff schon länger eingeführt ist, um den Weblog-und Web 2.0-Diskurs zu beschreiben (siehe z.B. Bryan Alexander: Web 2.0: A New Wave of Innovation for Teaching and Learning?). Microlearning ist also, wenn man so will, ein integrales Element des neuen Web 2.0-Lernens, und es bleibt eine Frage der Perspektive, auf welchen Begriff man gerade setzt, um dieses neue Lernen zu beschreiben.

Zum anderen ist da die Verbindung von Microlearning und Mobile Learning. Sicher nicht zufällig war Nokia einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung und mit Simo Hoikka auch auf verschiedenen Panels vertreten. Was mir (und vielleicht einigen anderen auch) auf dieser Konferenz noch einmal klar wurde, ist die umfassende Bedeutung von mobile technologies: Hier steckt wirtschaftliches Potenzial, hier kommunizieren die „digital natives“, und in vielen Ländern sind mobile technologies die einzige Infrastruktur, auf der Projekte (Stichwort: „bridging the digital divide“) aufsetzen können. Allerdings braucht es sicher noch konkreter Anwendungsbeispiele, die beschreiben, wie Micro-/Mobile Learning in formellen Lernsettings aussehen könnte.

Von Microlearning zu Stephen Downes. Wenn man über drei Jahre täglich seine Kommentare und Artikel liest, ist es natürlich eine wunderbare Sache, ihn auch einmal persönlich zu treffen. Und zu erleben, wie er seine Thesen präsentiert und diskutiert! Denn hinter seiner Beschreibung von e-learning 2.0 steckt ein radikales Menschenbild, das kompromisslos die Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen hochhält. Damit kommt Stephen Downes fast wie ein Rousseau des Internet-Zeitalters daher! Sein Ansatz stößt natürlich schnell mit den Lernerfahrungen zusammen, die in Bildungsinstitutionen und –strukturen gesammelt werden, die der Einzelne oft nur passiv erlebt. Wo aber müssen Lernende „geführt“ werden, und wo fängt die Freiheit des mündigen Lerners an?

Ein kurzes Beispiel aus der Diskussion im Anschluss an Stephen’s Präsentation:
– (Frage aus dem Publikum) „Stephen, aber was ist, wenn Menschen nicht lernen wollen?“
– (Stephen, nachdem er sich kurz die Haare gerauft und einige Sekunden gesammelt hat): „Ich möchte Ihre Frage etwas umformulieren. Zum einen müssen Menschen lernen, um nicht zu verhungern. Ganz einfach. Zum anderen lernt jeder Mensch von klein auf, sonst würde er nicht aufwachsen. Er lernt sein Leben lang, um sich in seiner Umwelt zu behaupten. Ich möchte also Ihre Frage präzisieren: Sie wollen wissen, was ist, wenn Menschen nicht die richtigen Dinge lernen! Wer aber bestimmt, was die richtigen Dinge sind? Der Staat, die Kirche, irgendwelche Autoritäten?“
Es war an einigen Stellen schließlich der gemäßigten kanadischen Fraktion, verkörpert durch George Siemens, überlassen, zwischen einer radikalen Pädagogik und einem institutionellen Bildungspragmatismus zu vermitteln.

Während der gesamten Veranstaltung wurde fleißig gemailt, gesurft und gebloggt, Fluch und Segen heutiger Konferenzen. Zum Segen gehören erste Ressourcen, auf die ich verweisen kann (Michael Kerres, Flickr).

3 Responses to “Microlearning 2006”

  1. andreas

    Gibt es einen deutschen Begriff für „Microlearning“ oder ist in der deutschen Wikipedia wirklich noch nichts zu dem Thema zu finden?

    Antworten
  2. Andreas

    Tut er. Es hat mich nur etwas gewundert, dass zu einem Thema, nach dem eine Konferenz benannt ist, kein Eintrag existiert.

    Vielleicht wollte ich auch indirekt darauf hinweisen, dass die Teilnehmer einer solchen Konferenz sehr geeignet wären, den Eintrag zu beginnen ;-).

    Antworten

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