Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Infonautik. Wege durch den Wissensdschungel

Für diesen Urlaub hatte ich mir nur wenig Lesestoff mitgenommen. Dazu gehörte dieses Buch, das mir der Autor, Joscha Remus, noch auf der LEARNTEC mitgegeben hatte. Ein Reiseführer und Ratgeber für das kompetente Navigieren in der aktuellen Wissenslandschaft. Joscha Remus hat sich schlauerweise erst gar nicht an einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Wissen“ versucht, sondern seine Erzählungen, Anmerkungen und praktischen Hilfen auf acht Wissenswege verteilt. Diese Wissenswege heißen „Erkennen“, „Überblicken“, „Befreien“, „Staunen“, „Fragen“, „Einlassen“, „Hören“ und „Erweitern“. Auf ihnen geht es, wie Joscha Remus in seiner Einführung schreibt, um „Methoden des Entrümpelns, der Verschlankung und der Selbstorganisation von Wissen“, um „Alternativen zum ‚Infoüberlastungssyndrom'“.

Man merkt, dass den Autoren viele der aktuellen Online-Entwicklungen motiviert haben, über das Thema nachzudenken: So beschäftigen sich längere Kapitel mit E-Learning und Wissensmanagement („Staunen“), Google und Suchmaschinen („Fragen“) sowie Knowledge-Communities, Weblogs und Wikis („Hören“). Aber immer wieder, vor allem in den Interviews mit prominenten Medizinern, Neurologen und Biologen (die leider nur stark gekürzt wiedergegeben werden), weist er darauf hin, dass sich Lernen und Wissen weder allein in unseren Köpfen noch ausschließlich online abspielen.

Dieses Buch ist fast ein Gegenstück zu der Arbeit von Thomas Davenport, „Thinking for a Living“, auf die ich kürzlich hingewiesen hatte (hier) und die aus organisationaler Perspektive fragt, wie man die Performance von Wissensarbeitern verbessern kann. Joscha Remus hat einen Ratgeber geschrieben, mit dessen Hilfe jeder selbst seine persönlichen Wissensstrategien überprüfen und optimieren kann. Beide Werke, und das ist mir bei der Urlaubslektüre noch einmal deutlich geworden, unterstreichen, dass Wissensarbeit heute eine allgemeine Profession und Kompetenz geworden ist, die sich nicht mehr auf eine Berufsgruppe beschränkt oder sich auf ein übergeordnetes Ziel richtet. Vielleicht gehören der „Intellektuelle“, der sich für die Rechte der Sprachlosen einsetzt (á la Emile Zola) oder der Akademiker, der sich einer höheren Wahrheit oder Objektivität verpflichtet fühlt, unwiderbringlich der Vergangenheit an. Aber das ist wohl schon ein anderes Buch, über das ich jetzt philosophiere.

Wie auch immer: Die „Infonautik“ bietet Nachdenkliches und praktisches Handwerkszeug in einem. Ganz nach Vorwissen und Vorlieben des Lesers. Und eine Adresse für Hintergrundinformationen gibt es auch: www.infonautik.de.
Joscha Remus: Infonautik. Wege durch den Wissensdschungel. Offenbach: Gabal 2005

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