Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Lernen und Widerstände

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Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag! Es geht um das „lebenslange Lernen“, ja, das Lernen überhaupt und die Frage, warum viele Menschen trotz täglicher Appelle und reichhaltiger Angebote nicht mitspielen. „Lernwiderstände“ lautet die Diagnose. Doch wie entstehen sie? Und wie geht man damit um? Peter Faulstich empfiehlt an dieser Stelle, sich zuerst über den Begriff des Lernens selbst Klarheit zu verschaffen. In seiner Analyse wirft er dem lerntheoretischen Mainstream „verdeckten Instruktionismus“ vor und plädiert dafür, den „Subjektstandpunkt“ einzunehmen. Hier beruft er sich auf Klaus Holzkamp, wenn er über diesen Standpunkt sagt: „Er redet über Lernen nicht als durch äußere Reize verursacht, also bedingt, sondern er fragt, warum Menschen lernen, also wie dies begründet ist.“

Warum dies aus meiner Sicht wichtig ist, wird deutlich, wenn wir den nächsten Absatz vor dem Hintergrund all jener Artikel lesen, die uns erfolgreiche Lernprozesse versprechen, wenn wir nur bestimmte Regeln beachten:


Wenn wir nach gelingendem Lernen fragen, müssen wir die Illusion einer herstellbaren optimalen Lernsituation aufgeben. [Hervorhebung von mir; JR] In den Institutionen und beim Personal der Weiterbildung ist die Klage über Widerständigkeit, Faulheit und Widerborstigkeit der Lernenden weitverbreitet. Es wird dann nach Rezepten gefragt, nach Methoden, um solche Probleme instrumentell zu lösen. Dies ist eine Sackgasse, weil Institutionen und Personal sich in technokratische Herstellungsillusionen verrennen …

Wir wechseln vielmehr die Perspektive und fragen nach Lernwiderständen, die von den Lernenden selbst reflektiert werden können. Das Lernen Erwachsener ist immer schon Anschlusslernen. Erwachsene haben in ihrer Biographie Lebens- und Lernerfahrungen aufgehäuft, die neues Lernen befördern oder behindern. Es gilt also den Blick zu lenken auf Weiterbildungsabstinenz, Motivationsverluste, Lernhemmnisse und -schranken, Spaltungslinien und Hürden, kurz auf Widerstände, die keineswegs nur durch individuelle Dispositionen, sondern ebenso durch die bestehenden Strukturen der Lebenswelt, insbesondere des Beschäftigungs- wie des Weiterbildungssystems, erzeugt werden. Diese Erfahrungen, die jede Person in Auseinandersetzung mit dem ihr zugänglichen Ausschnitt der Lebenswelt macht, sind dabei rückgebunden an die sozialen Kontexte von Milieu und Gender. Daraus resultieren Lernhemmnisse durch die sozialen Strukturen und Lernschranken durch die Restriktionen der Institutionen.“

Im Anschluss daran skizziert Peter Faulstich den Ansatz einer „subjektorientierten Lernberatung“, auf den ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehe. Denn wer mir bis hierhin gefolgt ist, wird den letzten Schritt zum Original auch noch schaffen.
Peter Faulstich, in: Peter Faulstich und Mechthild Bayer (Hrsg.): Lernwiderstände – Anlässe für Vermittlung und Beratung. 2006
[Kategorien: Lebenslanges Lernen, Weiterbildung allgemein]