Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Das Verschwinden der Bildung in der E-Learning-Diskussion

Keine leichte Kost, aber eine lohnenswerte! Der Aufhänger: Ein Austausch über Bildung, über Sinn und Ziele von Bildung, ist heute notwendiger denn je, findet aber faktisch nicht statt. Zwar wäre die laufende E-Learning-Diskussion eine Möglichkeit par excellence, über Bildung zu reden. Stattdessen versucht man jedoch, halbherzig Brücken zu schlagen („Bildungstechnologie“), oder man konzentriert sich auf Teilaspekte wie die Flexibilisierung und Modularisierung von Lerninhalten („Reusable Learning Objects“).

WissenundLernen.gif

Wenn wir von Bildung sprechen, sprechen wir auch von der Entstehung von Wissen und vom Lernen. Die Autorin stellt einen strukturgenetischen Wissensbegriff vor, um Handeln, Wissen und Information einerseits, informelles und institutionalisiertes Lernen andererseits voneinander abzugrenzen und dann in einem Bild wieder zusammenzuführen. Dieses Bild hat mich überzeugt! Und auch, was sie über den Zusammenhang von informellem und institutionalisiertem Lernen schreibt:

„Aus strukturgenetischer Perspektive beginnt das informelle Lernen beim personalen Wissen, während das institutionalisierte Lernen beim öffentlichen bzw. objektivierten Wissen (also bei Informationen außerhalb der Person) seinen Anfang nimmt. So gesehen ist das informelle Lernen die „natürlichere“ Form des Lernens, während das institutionalisierte Lernen die Entwicklung von personalem und objektiviertem Wissen gewissermaßen umkehrt. Allerdings ist auch der „natürliche“ Weg der Wissensentwicklung immer beeinflusst von objektiviertem Wissen – eingebettet in die Umgebung, mit der sich das Individuum auseinandersetzt. Und Gesellschaften, die Wissenschaft betreiben, können sich bloßes informelles Lernen ebenso wenig leisten wie einen Verzicht auf die potentiellen Vorteile des Lernens in Institutionen. Wichtig für Lernen und damit auch für E-Learning ist die strukturgenetische Erkenntnis, dass Information nur zu Wissen wird, wenn Lernende verstehen, was wiederum nur möglich ist, wenn sie sich mit der angebotenen Information aktiv auseinandersetzen, deren Bedeutung (re-)konstruieren und mit andern in einen Dialog treten. Nun kann man in unserer Gesellschaft das Lernen in Institutionen nicht zum informellen Lernen machen, um die Probleme des institutionalisierten Lernens in den Griff zu bekommen. Aber man kann die Chance zur aktiven Auseinandersetzung, zur Situierung und zum Aushandeln von Bedeutung durch die Gestaltung von Lernumgebungen erhöhen …“ (Hervorhebungen von mir, JR)

Vor diesem Hintergrund wird erörtert, was genau bei der Gestaltung von e-Learning-Umgebungen zu beachten ist – immer verbunden mit der Hoffnung, dass die e-Learning-Forschung und Praxis zum „trojanischen Pferd … für eine verstärkte Reflexion ganzer Curricula und dahinter stehender Ziele, Werte und Normen“ werden könnte“.
Gabi Reinmann, Arbeitsbericht Nr.6, Universität Augsburg (Medienpädagogik), März 2005 (pdf)
[Kategorien: Weiterbildung allgemein, e-learning]

3 Responses to “Das Verschwinden der Bildung in der E-Learning-Diskussion”

  1. akpe

    sehr schön, wie Gabi Reimann die ganze Diskussion um eLearning noch einmal auf den Punkt bringt. Zu ergänzen wäre allerdings noch, dass es nur darum geht, dass Lernende verstehen und sich aktiv mit den Inhalten auseinandersetzen. Mindestens genau so wichtig ist der Anwendungsbezug des Gelernten und das bedeutet aus der Sicht der Lehrenden, die Lernenen in ihren Beweggründen und ihrem Lernhandeln zu verstehen.

    Und hier könnte die Diskussion um den Einsatz digitaler Medien (von Lernplattformen über LCSM bis zu eportfolios und edublogs) als unterstützende Methoden einsetzen.

  2. Jochen Robes

    Das sehe ich genauso! Und Gabi Reinmann gibt ja auch das Stichwort, wenn sie schreibt, dass „neue Technologien wie Weblogs und Wikis … neue Potentiale für eine bislang vernachlässigte Verbindung von informellem und institutionalisiertem Lernen“ liefern. Allerdings gehört ein LMS/ LCMS m.E. nicht unbedingt in diese Aufzählung. Denn hier steht in der Regel nicht der „Anwendungsbezug des Gelernten“ im Vordergrund, sondern das Management von Lernprozessen.
    JR

  3. akpe

    nun, die Unterscheidung zwischen Management und Anwendung würde ich so nicht treffen wollen, da es letztlich doch immer um die Anwendung des neu erworbenen Wissens geht und dies auch Bestandteil von LCMSen sein sollte. Noch deutlicher als in dem Artikel von Gabe Reinmann möchte ich die guten Gründe des Lernerns, seine Motivation zum Lernen, in den Mittelpunkt der Überlegungen zur Gestaltung von Lernumgebungen gestellt wissen.

    Und dazu kann die (wiedergefundene) Anknüpfung der alten Bildungsidee mit den Fragen nach Bedeutung und Reflexion sehr hilfreich sein. Sie ist dann auch nicht nur als ein „trojanisches Pferd“, die List als erfolgreiche Strategie verfolgt, zu verstehen, sondern hinterfragt die wie selbstverständlich angenommenen „Forderungen aus der globalen und regionalen Wirtschaft“. Dass Gabi Reinmann hierbei von einem „sklavisch anmutenden vorauseilenden Gehorsam“ aus eigenen Erfahrungen spricht, hat mich schon überrascht.

    Und die gute, alte Idee der „kategorialen Bildung“ von Wolfgang Klafki kann so noch einmal aus der Mottenkiste genommen und meinetwegen auch mit strukturgenetischen Erkenntnissen verbunden werden.

    An diesem Strang weiterzuüberlegen, genauer zu untersuchen, auch nach anderen Verknüpfungsmöglichkeiten zu suchen, und das Erkannte in der Praxis zu überprüfen halte ich für mehr als notwendig.

Comments are closed.