Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

The Economy of E-Learning

„Where do you see the money being made in elearning today?“ Diese Frage nimmt Stephen Downes zum Anlass, ausführlich auf die „Economy of E-Learning“ einzugehen. Weil es eine gute Frage ist, die ich derzeit mindestens einmal die Woche höre und diskutiere, kurz ein paar eigene Gedanken vorweg.

Der Hintergrund dieser Frage, und ich beziehe mich auf den Markt des Corporate Learning, ist offensichtlich und nachvollziehbar:
– Die Krise der betrieblichen Weiterbildung (deutliche Kürzungen der Bildungsausgaben in Unternehmen und der Agentur für Arbeit) ist auch eine e-Learning-Krise.
Selbst dort, wo e-Learning-Angebote das klassische Präsenztraining ersetzen, haben sich keine dauerhaften Marktchancen gegen diesen Trend eröffnet.
– Die Entwicklungskosten für e-Learning sind dramatisch gefallen – und werden weiter fallen.
Open Source-Angebote, die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer sowie benutzerfreundliche Autorentools setzen den Markt weiter unter Druck und stellen gewohnte Arbeitsteilungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer permanent in Frage („make or buy“). Oder anders formuliert: Content ist schon lange nicht mehr king, eher commodity.
– Neue Geschäftsmodelle für e-Learning sind noch nicht in Sicht.
Selbst dort, wo das Interesse an neuen Konzepten und Lösungen offensichtlich ist, wie z.B. im Bereich des informellen Lernens, des Wissensmanagements oder beim Aufbau von Communities of Practice, fehlt derzeit die Bereitschaft, eingefahrene Wege der Projektausschreibung und –abwicklung zu verlassen. Seit nunmehr 15 Jahren werden Aufwand und Umfang von e-Learning-Projekten (CBT, WBT, usw.) in „Lernstunden“ gemessen – der Lernerfolg spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Und nicht zufällig dominieren in diesen Bereichen bis heute die mit öffentlichen Geldern geförderten Projekte.


Trotzdem, und das ist die andere Seite, bin ich nach wir vor optimistisch, was die Zukunft von e-Learning betrifft. Meine Gründe:
Das Internet ist aus Alltag, Arbeit und Bildung nicht mehr wegzudenken.
Unternehmen, Hochschulen und öffentliche Verwaltungen setzen auf eine netzgestützte Infrastruktur, um ihre Prozesse in Einkauf, Produktion, Administration, Marketing und Verkauf effizient zu steuern. Dazu gehören auch die Prozesse der Personalarbeit und Weiterbildung. Und diese Entwicklung ist nicht umkehrbar – auch wenn einige strategische Optionen (z.B. inhouse/extern, zentral/dezentral) auf der Tagesordnung bleiben.
Privat sind das Interesse am Internet (steigende Nutzungszahlen sowie steigende Zahl der Breitbandanschlüsse) sowie das Interesse an mobile computing nach wie vor ungebrochen. ebay, amazon und google sind akzeptierte Angebote – und setzen zugleich die Standards für Lösungen in anderen Bereichen!
– Immer mehr Menschen nutzen aktiv neue Lösungen in den Bereichen des Public Publishing (Weblogs) und Collaboration (Wikis, Online-Communities, Social Bookmarking, Business Networks, kurz: Social Software).
Hier stehen wir gerade erst am Anfang, was die Integration dieser Applikationen in Bildungsprozesse bzw. Prozesse des Wissensmanagements betrifft.

Bleibt die Frage: „Where do you see the money being made in elearning today?“ Und hier möchte ich auf den Artikel von Stephen Downes zurückkommen, der sich systematisch mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Er unterteilt dabei den Bildungsmarkt in drei Segmente: service provision (wozu er die Arbeit der klassischen Bildungsinstitutionen und –träger zählt), educational content und infrastructure. Vor diesem Hintergrund fragt er, welchen Einfluss das Internet auf die Entwicklung dieser Marktsegmente hat und liefert einige aufschlussreiche Antworten und Hinweise darauf, wo denn mit e-Learning zukünftig „Geld zu verdienen“ sein wird. Auf einige interessante Bemerkungen in diesem Zusammenhang möchte ich an dieser Stelle kurz hinweisen:

„As can be seen from the discussion above, the educational economy is shifting from what might be styled as a ‚production‘ mode to what might be styled as a ’service‘ mode.“
Ein wichtiger Punkt! Allerdings, möchte ich hinzufügen, ist bis heute noch nicht klar, wie dieser „service mode“ zu tragfähigen Geschäftsmodellen entwickelt werden kann.

„Although the locus of decision making is likely to shift from the institutional to the individual, there is no scenario that suggests any great change in the funding of educational resources, save perhaps the likelihood that both individuals and institutions will expect to spend (far) less for a given educational opportunity.“
Das ist sicher Stoff für weitere Diskussionen, und man muss berücksichtigen, dass diese Aussage vor allem vor dem Hintergrund des nordamerikanischen Bildungsmarktes getroffen wird.

„One may easily envision the almost complete collapse of the educational content market in a very short time, even within a decade.“
Stephen Downes schränkt die Aussage zwar noch etwas ein und der „educational content market“ ist sicher ein weites Feld, aber die Tendenz ist aus meiner Sicht nachvollziehbar.

Weitere Aussagen finden sich, wie gesagt, im Artikel selbst. Allerdings wird hier der Bildungsmarkt im allgemeinen und nicht exklusiv die betriebliche Weiterbildung behandelt! Hier gibt es sicher weitere Teilmärkte und Geschäftsmodelle, die man im Auge behalten muss. Erinnert sei nur an den Bereich der regulatorischen/ gesetzlichen Anforderungen (Compliance, Geldwäsche, Arbeitssicherheit usw.), die derzeitig das Überleben des e-Learning- und LMS-Marktes sichern. Oder an die Tatsache, dass Online-Informationen und –Trainings immer mehr zu einem festen Bestandteil von Produkt- und Systemeinführungen werden, diese Projekte und Budgets allerdings häufig an Personalentwicklung und Weiterbildung vorbeigehen. Oder an Kompetenzmodelle, die neue Anforderungen an die Prozesse der Personalentwicklung inkl. LMS und e-Learning stellen werden. Oder … aber das ist vielleicht Stoff für einen längeren Artikel.
Stephen Downes, Stephen’s Web, 10 Juli 2005
[Kategorien: e-learning]

Verwandte Beiträge