Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Sind deutsche Hochschulen fit für das digitale Zeitalter?

Jetzt hat auch Aachen eins: ein e-Learning Center, das in diesem Fall aber nicht mehr e-Learning Center heisst, weil es längst um mehr geht, nämlich um die Digitalisierung der Hochschulen, um eine langfristige e-Strategie, die sämtliche Dienstleistungen – Lehre, Forschung, Administration und weitere Services – umfasst. In Aachen, an der RWTH, ist es also das Centrum für integrative Lehr-/Lernkonzepte (CiL), das diese Aufgabe zukünftig koordinieren soll, und es hatte heute zu seiner Eröffnungsveranstaltung eingeladen. Zu diesem Anlass hatte man eine Reihe prominenter Redner gebeten, sich der Frage „Sind deutsche Hochschulen fit für das digitale Zeitalter?“ zu stellen.

Nun, alle Experten waren sich einig, dass man sich erst am Anfang eines langen Weges befindet. Beim Vortrag von Hans Weiler (Stanford) habe ich mir zwei Punkte notiert: den Hinweis, dass gerade im direkten Vergleich mit den USA die Weiterbildung das Stiefkind deutscher Universitäten ist; und dass die „Erforschung der Bedingungen erfolgreichen digitalen Lehrens und Lernens“ eine der drängendsten Herausforderungen sei. Sein Vortrag war übrigens ein umfassender Überblick zum Thema „Hochschulreform und Digitalisierung“, der einem die Lektüre so mancher Monographie erspart (es soll ihn bald online geben). Bernhard Plattner, ETH Zürich, berichtete von den Erfahrungen und Projekten der ETH World und dass man sich dort mitten im Abstimmungsprozess einer ICT-Strategie befindet (die man hier online nachlesen kann).

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(von links: Ulrike Timmler, Hans Gieringer, Dieter Dohmen, Udo Kamps, Ulrich Glowalla, Hubert Groten)

Sehr unterhaltsam war die Diskussionsrunde zur Mittagszeit. „eLearning – Mehrwert und Märkte“ war ihr Titel. Ulrike Timmler (kapete, e-learning presseclub) moderierte, und Dieter Dohmen vom FiBS in Köln übernahm bereitwillig die Rolle des „agent provocateur“. So behauptete er, dass es den Hochschulen bis heute an der notwendigen ökonomischen Kompetenz mangelt, wenn es um die nachhaltige Entwicklung und Vermarktung von e-Learning geht. Der breiten Förderung von e-Learning in den letzten Jahren stehen nur wenige erfolgreiche Projekte gegenüber, so seine Beobachtung. In puncto „nachfrageorientierte Geschäftsmodelle“ gäbe es folgerichtig großen Nachholbedarf. Udo Kamps (Aachen), Ulrich Glowalla (Gießen) und Hubert Groten (Hagen) hielten dagegen. Der eine, Udo Kamps, wies darauf hin, wie schwierig es sei, e-Learning breit und schnell in die Lehre einzuführen, wenn die Haushaltsmittel weiter beschränkt werden. Ulrich Glowalla und Hubert Groten meinten, dass die deutschen Universitäten – auch was e-Learning betrifft – besser als ihr Ruf seien. Hans Gieringer (bit media) beklagte, dass Kooperationen zwischen e-Learning-Industrie und Hochschulen viel früher und systematischer stattfinden sollten. Vielleicht gibt es ja einen Mitschnitt dieser 60 Minuten …

Leider habe ich die Beiträge der Unternehmensvertreter größtenteils verpasst. Ich hörte noch, wie Said Zahedani (Microsoft) den Hochschulvertretern zurief, dass ihre Studenten zwar fachlich auf der Höhe seien, aber in Sachen „Soft Skills“ oft große Lücken aufwiesen. Dann musste ich den Sitzen des antiquierten Hörsaals Tribut zollen und etwas Bewegung suchen. Nach der Pause sprachen noch Helmut Hoyer vom Centrum für eCompetence (CeC) in Hagen, der die Hochschulen zur Zusammenarbeit aufrief („Wie lange können wir uns in NRW noch 30 IT-Rechenzentren leisten?“, war eine seiner Fragen.) Dann übermittelte Ralf Steinmetz beste Grüße aus Darmstandt, die ja selbst erst vor wenigen Tagen die offizielle Eröffnung ihres e-Learning Centers gefeiert hatten. Und Bernd Kleimann (Hochschul-Informations-System GmbH) stellte die Ergebnisse einer repräsentativen Online-Befragung von Studierenden vor, auf die ich vor einigen Wochen vergessen hatte hinzuweisen (HISBUS-Kurzbericht Nr. 10: „E-Learning aus Sicht der Studierenden“; pdf – leider ist derzeit der Link nicht aktiv).
Centrum für integrative Lehr-/ Lernkonzepte (CiL), 8 April 2005
[Kategorien: eUniversity]