Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Zur Berechnung des Humankapitalbestands in Deutschland

Heute habe ich mir wieder einen kleinen Ausflug in die Bildungsökonomie gegönnt: Es geht um die Frage, wie hoch das gesellschaftliche Bildungsvermögen in Deutschland ist. Sind es 3,7 Billionen Euro, wie die Autoren für 1999 errechnen? Oder 4,6 Billionen (Georg Ewerhart: Ausreichende Bildungsinvestitionen in Deutschland? 2003)? Oder gar 12,4 Billionen, wie es in einer Studie heisst (Alfred Herrhausen Gesellschaft: Wieviel Bildung brauchen wir? 2002)? Die Unterschiede stecken in den Berechnungsmodellen: Wird Humankapital wie Sachkapital abgeschrieben? Werden die Opportunitätskosten als Kosten der Ausbildung berücksichtigt? Und werden gar Elternerziehung und Weiterbildungsmaßnahmen als Lernzeiten einbezogen, was zwar kaum verlässlich zu kalkulieren ist, aber in der Praxis dazugehört und uns den 12,4 Billionen näherbringt?

Wer bis hierhin durchgehalten hat, wird auch die Quintessenz dieses Aufsatzes aushalten: „Dabei zeigt sich, dass sich das reale Humankapital der voll erwerbstätigen Arbeitnehmer im Untersuchungszeitraum kaum verändert hat, während für das Sachkapital in konstanten Preisen eine deutliche Steigerung festgestellt werden kann. … Diese Entwicklung zeigt keine Humankapitalintensivierung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsprozesses in Deutschland.“ Womit auch bildungsökonomisch bewiesen wäre: Es gibt viel zu tun, um der demographischen Entwicklung und einem drohenden Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften rechtzeitig entgegenzuwirken. Okay, mit Blick auf die verschiedenen Berechnungsmodelle vielleicht nicht „bewiesen“, aber doch bedenkenswert. (Danke, Johannes!)
Christina Henke, IW-Trends – Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, 32. Jahrgang, Heft 1/2005 (Link nicht mehr aktiv)