Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

LEARNTEC 2005 – eine Nachbetrachtung

Ich glaube, die meisten LEARNTEC-Besucher werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass das Innovativste der diesjährigen Veranstaltung der Truck von Luigi Colani war, der diese Woche in Karlsruhe auf dem Messevorplatz parkte. Auch gilt mein ganzer Respekt den Herausgebern des eLearning-Journal, die mit großem Aufwand sicherstellten, dass kein Besucher ohne eine Erstausgabe in Händen die Hallen verließ!

Wenn ich aber jetzt versuche, die LEARNTEC inhaltlich auf den oder zumindest einige Punkte zu bringen, fällt mir das schwer. Nach wie vor präsentiert sie sich überbordend, was die unzähligen Sektionen und Foren betrifft, wenn auch die thematische Blöcke („Business“, „Technologie“ und „Didaktik“) dieses Jahr den Überblick etwas erleichterten. Es ist allerdings kaum nachzuvollziehen, warum die Organisatoren jeden Tag teilweise bis zu sieben Veranstaltungen parallel anboten, so dass viele Vorträge und Workshops nur mäßig besucht waren!

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Was bleibt? Letztes Jahr hatte ich ja bereits von der Spinner-Suite berichtet, mit der Thomas Glatt (Credit Suisse) erfolgreich einen Kontrapunkt zum traditionellen Präsentationsreigen gesetzt hatte. Dieses Jahr gab es die Spinner-Suite sogar an drei Tagen, wobei ich allerdings nur einige Stunden teilnehmen konnte. Der erste Tag stand unter dem Motto „Globalisierung der Bildung – Demokratisierung des Wissens“. Er begann mit einem kurzen, sehr persönlichen Statement von Thomas Bergen (getAbstract), der in zehn Minuten Bildung aus Sicht ecuadorianischer Studenten präsentierte – und damit einen eindrucksvollen Input für die folgenden Diskussionen und den ersten Tag setzte! (mehr von Thomas Bergen in diesem LEARNTEC-Interview). Vom zweiten Tag („Didaktik des E-Learning: Spiele, Dramaturgie und Lernen“) habe ich nur die ersten neunzig Minuten mitbekommen. Ein Eindruck, der hängenblieb: Während sich Corporate Learning derzeit vor allem auf Rapid E-Learning, Modularisierung und Content Sharing konzentriert, leistet sich die Universität noch die Freiheit, auch komplexere, geschichtenbasierte Formen (Storytelling) auf ihr Entwicklungspotenzial zu prüfen (weitere Informationen auf der Homepage von Frank Thissen).

Apropos Rapid E-Learning: Die Zahl der Anbieter von Autorentools war kaum zu überschauen, und mir fehlt noch etwas der Überblick, um hier Eindrücke zusammenzufassen. Gesucht werden aber offensichtlich Informationen, die dem Interessierten helfen, dass für ihn richtige Werkzeug zu finden. Will ich nur PowerPoint-Präsentationen in multimediale Informations- oder Trainingskurse verwandeln? Oder will ich ein internes Autorenteam mit einem robusten Werkzeug ausstatten, dass die Entwicklung qualitativ hochwertiger Lösungen erlaubt? Wie steht’s um notwendige Standards? Und welches Produkt hat wo seine Stärken? Kein Wunder, dass verschiedene Besucher erzählten, dass es mittlerweile bereits eine Reihe (!) von Lösungen in ihrem Haus gibt …

Weitere Themen, die mir auffielen, ohne dass ich leider Gelegenheit hatte, alle entsprechenden Veranstaltungen aufzusuchen: Intellectual Capital – so gab es z.B. Vorträge über Wissenbilanzen, Kompetenzbilanzen, Bildungscontrolling sowie die mit Basel II verbundenen Herausforderungen (die Vorträge zum letztgenannten Thema waren übrigens sehr gut besucht!); Qualität von e-Learning – ein Thema, das seit Monaten (ob berechtigt, bin ich mir noch nicht sicher) große Aufmerksamkeit erfährt: auf der LEARNTEC waren dementsprechend u.a. Q.E.D. (Qualitätsinitiative E-Learning in Deutschland) und eva (Das Evaluationsnetz) zu finden; Mobile Learning – von der Notebook-University bis zur mobilelearningarena.

Am letzten Tag hatte ich dann noch Gelegenheit, in die Sektion „Design und Betrieb von Learning Communities“ hineinzuschauen. Hier war vor allem das Referat von Dietmar Treichel (tomcom) sehr interessant: zum einen war er seit Wochen der erste, der einige kritische Worte zu OpenBC fand: Er sähe dort mehr Beobachter („Lurker“) als Teilnehmer („Poster“), was die gesamte Kommunikation aus seiner Sicht wenig authentisch erscheinen läßt. Fairerweise fügte er jedoch hinzu, dass er hier vornehmlich aus der Rolle des Beobachters urteilen würde. Und dann beschrieb er die Zukunft von e-Learning und setzte dabei nachdrücklich auf die soziale, kollaborative Seite des Lernens:
„e-Learning entwickelt sich … von der individualisierten, formalen Instruktion zur prozessnahen, kollaborativen Community, die Social und Corporate Capital hervorbringen kann.“ In drei Jahren, so Treichel, werden die bestehenden Formen von e-Learning weitgehend verschwunden sein (mehr Informationen von Dietmar Treichel hier).

An dieser Stelle sei aber auch erwähnt, was dieses Jahr fast völlig von der Agenda verschwunden ist: Learning Management Systeme! Einige wenige Präsentationen sprachen noch vom „Bildungsmanagement“ bzw. der SAP „Learning Solution“ oder von „Lernarchitekturen“ (Telekom), und man konnte ahnen, dass dahinter auch die Einführung und der Einsatz eines LMS stehen. Und die Sektion P war dem Thema „Open Source“ gewidmet, mit mehreren Vorträgen über „Moodle“- und „ILIAS“-Erfahrungen. Aber ansonsten wenig Aufregung um das Technologie-Thema der letzten Jahre! Übrigens, genauso wenig wie von PeopleSoft und Oracle, die beim Vertrieb ihrer LMS-Lösung wohl auf andere Kanäle als die LEARNTEC setzen.

Und dann die Themen, die es erst gar nicht auf die Agenda geschafft hatten und wohl auch nicht so schnell schaffen werden: Blogs, Wikis, Social Software, WebQuests usw. Hier kann ich nur meine Eindrücke des letzten Jahres wiederholen: „Die LEARNTEC ist eine anbietergesteuerte Veranstaltung. Man findet schnell die Schlagworte – von „content is king“ bis „blended learning“ – wieder, unter denen die Anbieter saisonal ihre Produkte und Lösungen präsentieren. Die Kehrseite dieser Ausrichtung: Was (noch) nicht markttauglich ist, findet auch nur schwer Eingang in den Kongress. So beschäftigten sich wieder nur wenige Veranstaltungen mit dem Lerner selbst und der Frage, wie er (oder sie) das Lernen „anytime anywhere“ umsetzt und lebt, von dem seit nunmehr 12 Jahren Learntec die Rede ist.“ Okay, jetzt sind es halt 13 Jahre.

Ansonsten gab es wie immer die Versuche des Stammpublikums, über die Zahl der Aussteller und Kongressteilnehmer zu spekulieren, aber hier werde ich mal abwarten, was die offiziellen Statements von Winfried Sommer offenlegen. Vielleicht sagt er auch etwas zum „Schlauch“, der die Besucher seit Jahren trocken über den Festplatz gelangen lässt. Ich war doch überrascht, nicht mehr die bewährte Lösung der „direkten Linie“ vorzufinden, sondern einen interessanten, fast verschnörkelten Ansatz, der zudem noch Platz für ein Ausstellungsteam ließ, das allerdings um diesen Standort nicht zu beneiden war.