Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

„2005 – das Jahr der Innovation“

Manchmal laufen die Gedanken parallel: Da ergänze ich gerade noch eine aktuelle Trendbestimmung um das Stichwort „informelles Lernen“, da geht der Autor derselben schon anderer Stelle in einem Interview auf das Thema ein! Deshalb will ich Frage und Antwort zum Stichwort „informelles Lernen“ an dieser Stelle etwas ausführlicher zitieren:

Checkpoint eLearning: „Es gibt ein Stichwort, das in den letzten Monaten verstärkt aufgetaucht ist und das, so scheint mir, der These der Prozessorientierung widerspricht: der Begriff des „informellen Lernens“. Wie passt das zusammen: Prozessorientierung einerseits und informelles Lernen andererseits?“

Kraemer:Es stimmt, das klingt zunächst nach einem Widerspruch. Vielleicht kann man das aus der „historischen“ Entwicklung heraus erklären. Nachdem in den letzten Jahren die Prozesse in Bildungsabteilungen analysiert, verbessert und durch IT-Systeme zunehmend genau und flexibel abgebildet wurden, lohnt sich jetzt auch die Diskussion, die früher immer wieder mal zur Unzeit aufgeflammt war: die Frage nach dem Lernenden selbst und nach den angemessenen didaktischen Szenarien für eLearning.

Man muss diese Reihenfolge verteidigen und deutlich sagen: das bisher zu lösende Problem war nicht so sehr die Didaktik des Lernens, sondern dessen Organisation. Hier bestand ein Bedarf nach technischen Innovationen und Professionalisierung der Lernprozesse. Mit der Verfügbarkeit ausgereifter Systeme darf nun auch die Frage gestellt werden, was Lernplattformen für die Lernenden leisten können. Dabei stellt sich eines schnell heraus: das traditionelle medienbasierte Lernszenario des eigenständig und einsamen Lernenden ist ein notwendiger, aber nicht ausreichender Baustein.

Auch Blended-Learning ist auf Dauer nicht ausreichend. Wesentlich für nachhaltige Lernerfolge ist eine enge Verbindung der Lernenden mit den Lehrenden sowie kontinuierliche Zusammenarbeit, Kommunikation und informeller Austausch. Die führenden Learning Management-Systeme bieten zahlreiche Funktionen an und verfügen bereits seit Jahren über Chats, Foren, Messaging-Services und vor allem Communities, die als Kommunikationsraum oder zur Tutorenbegleitung dienen können.“

Das ist eine sehr ehrliche Antwort, was die Prioritäten in der Vergangenheit betrifft! Doch was können „Lernplattformen für die Lernenden“ an dieser Stelle leisten? Ich glaube, dass prinzipiell (mindestens) zwei Szenarien denkbar sind:

Szenario A: Eine Lernplattform (LMS) integriert weitere Systeme und Module, die in verschiedensten didaktischen Szenarien informelle Lernprozesse unterstützen können.
Das können die vom Autor genannten Chats, Foren, Messaging-Services, aber natürlich auch Blogging-Funktionalitäten und Wikis sein. Nur an dieser Stelle wird es schwierig: Zum einen, weil viele diese Tools keine genuinen Bildungstechnologien sind und häufig schon dutzendfach in Unternehmen existieren. Zum anderen, weil Tools wie Blogs und Wikis von ihrer Idee her dezentrale und vernetzte Technologien sind, die mit einer Integration in eine unternehmensinterne Lernplattform möglicherweise an Charme, wenn nicht gar an Funktionalität verlieren.

Szenario B: Eine Lernplattform konzentriert sich auf das Management formaler Lernprozesse und das Kompetenzmanagement, also auf Anfangs- und Endpunkte aller Personalentwicklungsprozesse.
Das heisst, die Lernplattform ist die „Drehscheibe“ für Sollprofile („was soll der Mitarbeiter können“), Ist-Profile („was kann der Mitarbeiter“) und den Verweis auf entsprechende Lernangebote und Entwicklungspfade. Man würde aber nicht den Anspruch erheben, alle Kompetenzentwicklungsprozesse, die eine Technologie nutzen, auch technisch zu unterstützen. Wichtiger wäre die Abbildung des Resultats dieser Prozesse. Denn sonst bestünde die Gefahr, dass Lernplattformen technisch immer vielfältiger und optionaler werden und doch der „Komplexität“ informeller Lernprozesse nur hinterherlaufen.
Interview mit Wolfgang Kraemer, CHECKpoint eLearning, Januar 2005
[Kategorien: e-learning]

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