Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Zwischen den Jahren gelesen

Nun ist der Jahreswechsel gemeinhin nicht die Zeit, in der große Würfe publiziert werden. Aber ein paar interessante Dinge habe ich beim Stöbern, Blättern und Lesen doch gefunden.

Online-Medium Buch?

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Wenn es um die Frage geht, was man Weihnachten verschenkt, wird das Buch sicher keine Online-Konkurrenz fürchten müssen. Aber welchen Platz wird es in den übrigen elf Monaten in der Online-Ökonomie einnehmen? Der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler hat z.B. sein jüngstes Buch („Diskursökonomie“) in Absprache mit dem Suhrkamp-Verlag online als PDF-Version zur Verfügung gestellt. „Mit dem Netz verbunden ist die Utopie eines schrankenlosen Zugangs, und diese Utopie würde ich teilen“, sagt Winkler im Interview, der eine angenehm pragmatische Sicht auf das Nebeneinander von Buch und Internet hat. „Es gibt kein Menschenrecht auf die elektronische Verfügbarkeit aller Texte, und selbst wenn man das prinzipielle Ziel teilt, sollte man etwas Hirn reinstecken, wie die verschiedenen Medien am produktivsten zusammenarbeiten können.“ Absolut!
Interview mit Falk Lüke («Das Buchuniversum muss sein Verhältnis zur elektronischen Schiene noch finden»), Telepolis, 26 Dezember 2004


Schon vor einiger Zeit hat Lawrence Lessig (hier geht’s zu seinem Blog), einer der schärfsten Kritiker des bestehenden Copyrights, den Weg der Online-Publikation vorgemacht. Jetzt will Lessig sein Buch „Code and other Laws of Cyberspace“ in einem Wiki zugänglich machen, um es gemeinsam mit anderen Autoren zu überarbeiten. „Ziel sei es nicht, ein ganz neues Buch zu schreiben, sondern den vorhandenen Text zu aktualisieren und zu korrigieren. Das aber soll auf eine Weise geschehen, die für seine Vision einer kreativen, weil offenen Wissensgesellschaft vorbildlich ist.“ Spannend!
Florian Rötzer: Mit einem Wiki ein Buch schreiben, Telepolis, 27 Dezember 2004

Nur am Rande sei an dieser Stelle an die Autorengruppe e-writing.de erinnert, die vor drei Jahren ein ähnliches Konzept verfolgt hatte. Im Werbetext war die Rede vom „größten Selbstversuch zu den Möglichkeiten und Grenzen von E-Learning und E-Kooperation, der von E-Learning-Experten hierzulande durchgeführt wurde“. Leider hatte ich damals bereits auf den ersten Metern aufgegeben, so dass ich an dieser Stelle nur auf das Buch selbst verweisen kann.

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Auch Parker Rossman geht es nicht um ökonomische Fragen des Buchhandels, sondern um technische Möglichkeiten, „to meet the world’s education needs in the long-range future“. Dabei verweist er auf das Projekt von Thomas J. Mitchell, der sein Buch „City of Bits“ sowohl als Printout als auch online zur Verfügung stellte. Aber nicht einfach zum Download – und hier wird es erst spannend: „In the online version, readers could enter an electronic ‚agora’, or meeting place, and go to any section of the text, adding their own comments or read the comments left by others.“ Logisch, dass Rossman’s dreibändiges „The Future of Higher (Lifelong) Education“ für jeden online zugänglich ist.
Parker Rossman: Beyond the Book, The Futurist, January/ February 2005 (leider sind nur die Materialien, nicht der Artikel selbst online)

Was ist privat?

Gibt es noch irgendwelche Zweifel daran, dass Weblogs als fester Bestandteil unserer Medienlandschaft zu betrachten sind? PEW Internet & American Life Project schreibt in seiner neuesten Studie, dass im November 2004 32 Millionen US-Amerikaner (27% der Bevölkerung) angegeben hätten, sie würden Blogs lesen.
PEW Internet & American Life Project: The state of blogging, 2 Januar 2005

Doch damit rückt ein anderes Problem in den Vordergrund. Denn in vielen dieser Online-Tagebücher scheint die Grenze zwischen privat und öffentlich immer mehr zu verschwimmen. Darauf wies vor Weihnachten ein Artikel in der New York Times hin und unterlegte seine Story mit einigen Ostküsten-Beispielen, in denen Blogger intime (und wenig vorteilhafte) Details über andere Personen berichteten. Werden sich die „normalen“ Spielregeln, was Umgangsformen betrifft, durchsetzen? Oder wird sich unser Verhalten anpassen (müssen)? Zum Stichwort „öffentlich“/“privat“ passen auch die Berichte von Bloggern, die ihre Jobs verloren haben, weil sie unliebsame Details über ihren Arbeitsplatz oder Arbeitgeber preisgegeben hatten (ein Beispiel hier). Mal abgesehen von der gehörigen Portion Naivität, die hier teilweise im Spiel ist, wird uns das Thema sicher erhalten bleiben – sozial, technisch, juristisch. Und nicht nur bezogen auf Blogs: Ich erinnere mich an eine Aussage einer ehemaligen Kollegin, die kürzlich überlegte, am Business-Netzwerk von OpenBC teilzunehmen, sicher aber nicht sicher war, ob sie sich dort als Mitarbeiterin der Deutschen Bank zu erkennen geben durfte – und es bleiben ließ.
Jeffrey Rosen: Your Blog or Mine? New York Times, 19 Dezember 2004

Über das Genre Weblogs hatten sich vor einigen Monaten Autoren der Indiana University Gedanken gemacht und sind dafür auch kürzlich von der Blogging Community ausgezeichnet worden (The Edublog Awards 2004: Best blogged paper) 203 Weblogs haben sie mit Blick auf ihre Autoren, Features und Inhalte untersucht, um sie in verschiedene Typen einzuteilen sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Offline- und Online-Angeboten festzuhalten. Dabei stellen sie fest, dass eine überraschend (?) große Mehrheit der untersuchten Blogs als persönliche Online-Tagebücher konzipiert sind – wenig interaktiv, kaum verlinkt und primär ich-bezogen.
Susan C. Herring, Lois Ann Scheidt, Sabrina Bonus, Elijah Wright: Bridging the Gap: A Genre Analysis of Weblogs, HICSS’04, Januar 2004

Und zuletzt: die Fachpresse

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Ansonsten habe ich noch drei Fachzeitschriften durchgeblättert: Die „Personalführung“ hat ihre Januar-Ausgabe dem Thema „Lebenslanges Lernen“ gewidmet. Online gibt es ein Interview mit dem Bielefelder Bildungsökonomen Dieter Timmermann, der auch der Expertenkommission „Finanzierung Lebenslangen Lernens“ vorstand. Es geht dabei vor allem um neue Finanzierungsinstrumente und Anreize für das lebenslange Lernen. Manchmal ist in diesem Interview sehr unmittelbar die Anstrengung der Gesprächspartner zu spüren, auf der einen Seite pflichtgemäß die „Ausschöpfung aller individuellen Bildungspotenziale“ zu beschwören, aber auf der anderen Seite mit Blick auf den Arbeitsmarkt den Lernwilligen wenig Perspektiven bieten zu können. Da muss dann der vielbeschworene Fachkräftemangel (schon ab 2007 heisst es hier!) als Warnung und Perspektive gleichermaßen herhalten. Aber in jedem Fall gelten wohl die abschließenden Worte Dieter Timmermanns: „Es gibt keine Alternative zum lebenslangen Lernen, denn wer nicht weiter lernt, gefährdet seinen Arbeitsplatz.“

In der „Personalwirtschaft“ (1/2005, aber leider nicht online) werden vor allem Preisträger gefeiert. Allen voran die UBS, die für ihr Intranet-Portal „My Development“ mit dem Deutschen Personalwirtschaftspreis 2004 ausgezeichnet wurde. Das Portal bzw. die dort angebotenen Instrumente sollen die Mitarbeiter bei der individuellen Entwicklungsplanung und Standortbestimmung unterstützen. Dabei wird der Self-Service großgeschrieben: „Das Herzstück von „My Development“ sind die Self-Assessment-Instrumente. … Diese unterstützen die Mitarbeitenden bei der eigenständigen Analyse ihrer persönlichen Voraussetzungen (Neigungen, Kompetenzen, Werte) für eine berufliche Neuorientierung.“ Der Artikel spricht viele interessante Stichworte an, bietet aber leider kaum Details.
Dann gibt es noch einen Artikel über Angebote für Personalexperten im Internet („Zeitraubende Suche und fehlende Transparenz“), der in seiner Beschreibung leider sehr kurz und etwas oberflächlich ist, aber immerhin 18 deutschsprachige Adressen im Internet auflistet und nach ihrem Praxis-Nutzen „bewertet“.

Dabei verweist die gerade genannte Liste auch auf das Online-Netzwerk OpenBC, das wiederum eine zentrale Rolle im Titelthema „Networking“ in der neuesten Ausgabe der „managerSeminare“ (die Artikel sind im Internet, kosten aber) spielt. Es gibt einige Erfahrungsberichte, einige Spielregeln, Hinweise auf die bekanntesten Angebote im Internet und Literaturtipps. Dabei scheint etwas Überzeugungsarbeit gerade bei der Stammleserschaft notwendig: „Wenn es darum geht, neue Kontakte zu knüpfen, mögen es die Leser von managerSeminare traditionell: Nur acht der insgesamt 66 Leser, die sich an unserem FaxForum zum Thema ‚Networking’ beteiligt haben, nutzen Chaträume oder Internet-Netzwerke, um neue Geschäftsbekanntschaften zu schließen.“