Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

ePortfolios

Kurzer Rückblick: Bei meinem letzten Arbeitgeber wurden die Bildungsmaßnahmen, die man besucht hatte, automatisch in eine Rubrik eingepflegt, die „Persönliche Bildungshistorie“ (oder so ähnlich) hieß. Das lief so seit Ende der neunziger Jahre, als begonnen wurde, diese Informationen elektronisch zu verwalten. Dieser Automatismus galt aber nur für die Maßnahmen, die auch im offiziellen Weiterbildungskatalog des Unternehmens aufgeführt waren. Praktisch hatte z.B. meine „persönliche Bildungshistorie“ nach 5 Jahren wahrscheinlich (ich habe es nicht weiter verfolgt) nur ein oder zwei Einträge.

Habe ich in dieser Zeit nicht mehr gelernt? Oder wurde mir etwa die Teilnahme an Bildungsmaßnahmen verwehrt? Weit gefehlt, denn das, was ich als Bildungsmaßnahme betrachtet habe, z.B. die Teilnahme an internen Arbeitsgruppen oder an externen Konferenzen und Workshops, wurde (und wird) offiziell, und das heisst in diesem Fall: „systemseitig“, nicht als Lernerfahrung gezählt. Auch das, was ich aus eigenem Antrieb gelernt hatte – man könnte auch „selbst organisiert“ dazu sagen -, weil aktuelle Projekte oder Aufgaben es verlangten, konnte nicht in meine „persönliche Bildungshistorie“ einfließen.

Die logische Konsequenz aus meiner Sicht: Der Mitarbeiter pflegt „seine“ Bildungshistorie, so wie er heute bereits in weiten Teilen sein Mitarbeiterprofil pflegt (Employee Self Service). Und genau so, wie er „seine“ Bewerbungsmappe zusammenstellt, ist er für die Zusammenstellung, Aktualität und Stimmigkeit dieser Informationen verantwortlich. Nun, heute erlauben meines Wissens Learning Management- und ERP-Systeme einen flexibleren Umgang mit der Dokumentation von Bildungsmaßnahmen. Und die neue Aufmerksamkeit für informelle Lernerfahrungen und Kompetenzbilanzen wird diesen Prozess weiter vorantreiben.

An diesem Sachverhalt setzen nun ePortfolios an, die George Siemens folgendermaßen beschreibt: „Definitions of eportfolios vary, but generally include the notion of a digital resource (personal artifacts, instructor comments) demonstrating growth, allowing for flexible expression (i.e. customized folders and site areas to meet the skill requirements of a particular job), and permitting access to varied interested parties (parents, potential employers, fellow learners, and instructors).“

Als Ursachen für die Aufmerksamkeit, die ePortfolios gegenwärtig auf sich ziehen, identifiziert der Autor: „the dynamics of functioning in a knowledge economy, the changing nature of learning, and the changing needs of the learner.“ Vor diesem Hintergrund gibt er einen lesenswerten Überblick über die Vorteile von ePortfolios aus Sicht der Lerner, Lehrer und Institutionen, die sie einsetzen, über ihre Komponenten und Implementierung sowie erste Tools und Trends.

Die Herausforderung liegt sicher in dem Punkt, den auch George Siemens mehrmals unterstreicht: „Ultimately, to ensure life-long use of eportfolios, the learner needs to be in control.“ Denn, um an meinem Einstiegsbeispiel anzuknüpfen, ich will ja meine „persönliche Bildungshistorie“, meine Lernerfahrungen, evtl. auch meine Arbeitsergebnisse, Feedback von Kollegen und Managern, kurz: alles, was meine Kompetenzen dokumentiert, „mitnehmen“. Ein Leben lang.
George Siemens, elearnspace, 16 Dezember 2004
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