Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Tagung „Lernförderlichkeit und Kompetenzentwicklung“

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Gestern bin ich für einen Tag nach Kassel ans Institut für Arbeitswissenschaft (IfA) gefahren. Es ging nicht um e-Learning, aber die Themen versprachen einige Berührungspunkte. Eingeladen hatte das IfA, um seine Forschungsarbeiten der letzten Jahre vorzustellen, Forschungsarbeiten, die sie im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts „Lernen im Prozess der Arbeit“ durchgeführt haben. Das Ganze ist eingebunden in das Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Lernkultur Kompetenzentwicklung“, Projektträger ist das QUEM – aber jetzt bin ich schon in den Niederungen der deutschen Projektförderung, einem so komplexen Feld, dass man sich als Außenstehender nur blamieren kann.

Jedenfalls hatten sich über 200 Teilnehmer angemeldet (etwas weniger waren wohl tatsächlich gekommen), um sich die in der Regel gemeinsam von Unternehmensvertretern und IfA-Wissenschaftlern vorgetragenen Projekte anzuhören. Das erste Aha-Erlebnis hatte ich bereits beim Einstieg, als es um „Lernförderliche Arbeitsplätze – Eine Frage des Blickwinkels?“ ging. Lernförderliche Arbeitsplätze zeichnen sich durch folgende Kriterien aus: Selbständigkeit, Partizipation, Variabilität, Komplexität, Kommunikation – Kooperation, Feedback und Information. Ich glaube, wenn Arbeit bzw. Arbeitsplätze unter diesen Gesichtspunkten gestaltet werden, erübrigt sich häufig die Frage, ob für den Einzelnen das Lernen mit dem Computer am Arbeitsplatz möglich ist.

Anschließend habe ich aber die „Lernförderlichkeit“ aufgegeben und bin beim Block „Kompetenzentwicklung“ geblieben. Dabei sind mir zwei Projekte positiv aufgefallen: Im ersten ging es um den „Transfererfolg als zentrale Größe im Bildungscontrolling: Was sind Erfolgsfaktoren?“ Simone Kauffeld und Sven Grote vom IfA stellten das Lern Transfer System Inventar (LTSI) vor, mit dessen Hilfe potenzielle Barrieren für den Transfer von Trainingsinhalten in die Praxis erkannt werden können. Wie für alle Evaluationsprozesse gilt auch hier: Das Verfahren ist aufwendig und eher für die gezielte Intervention als ein flächendeckendes Controlling geeignet. Aber manchmal ist es ja notwendig, über das Stadium der „Glaubensbekenntnisse“ hinauszukommen. PricewaterhouseCoopers jedenfalls hat den LTSI eingesetzt und sofort einen Handlungsbedarf festgestellt: ihre Vorgesetzten unterstützen das Lernen „On-the-job“ noch nicht optimal.

Anschließend stellte Dirk Venzke das „Skillmanagement in der Commerzbank“ vor. Ich hatte die Präsentation im April bereits gehört und mein Eindruck hat sich nicht verändert: Es scheint eine sehr „runde“ und pragmatische Sache zu sein, die die Commerzbank da in einem Unternehmensbereich eingesetzt hat, vielleicht das Beste, was man derzeit in Deutschland zum Thema hören und sehen kann. Die Mitarbeiterprofile basieren ausschließlich auf Selbsteinschätzungen und können mit beliebigen Stellenprofilen in SAP abgeglichen werden. ComSkill weist – als Orientierungshilfe für Mitarbeiter oder Führungskräfte – den Übereinstimmungsgrad zwischen Mitarbeiter- und Stellenprofil aus und gibt Handlungsempfehlungen im Sinne der Karriere- und Entwicklungsplanung.
ComSkill ist nicht gekoppelt an das Beurteilungsverfahren der Commerzbank, allerdings ist eine Verbindung mit Daten des Performance Managements geplant. Das System, und das zeigte auch die anschließende Diskussion, wirft unzählige Fragen auf. Allerdings, und das unterscheidet es von den meisten derzeit laufenden Projekten, ist hier nicht nur diskutiert, sondern auch umgesetzt worden!

Eine kleine Anekdote am Rande: Als die Vor- und Nachteile von Seminaren durch Interne am Beispiel eines IT-Consulters diskutiert wurden, der entsprechende Veranstaltungen obligatorisch für alle Mitarbeiter jeweils einmal im Monat an einem Samstag anbietet, merkte der PwC-Vertreter nur trocken an: „Es wird noch 4-5 Jahre dauern, bis der Samstag ‚Weiterbildungstag‘ wird.“ Ich füge an: Und das „lebenslang“!
Institut für Arbeitswissenschaft, Tagung „Lernförderlichkeit und Kompetenzentwicklung“, 14 Oktober 2004
[Kategorien: Weiterbildung allgemein, Bildungscontrolling, Kompetenzen]