Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

You Don’t Know Me, but … Social Capital & Social Software

Ich muss zugeben, dass ich eine Schwäche für originelle Buchtitel habe (Unerreicht bis heute: „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ von Wolf Wondratschek!!). Ich glaube einfach an eine tiefliegende Beziehung zwischen dem Titel einer Arbeit und der Qualität ihres Inhalts, und „You Don’t Know Me, but …“ bestätigt diese These! Der Report stammt von der Work Foundation, als Sponsoren treten Microsoft und PwC auf, das Ganze wurde bereits vor über einem Jahr, im Mai 2003, geschrieben, hat aber erst in diesen Tagen seine Runde durch Blogs und Newsletter gemacht. Ich weiss nicht, wie es zu dieser Verspätung kam. Am Inhalt kann es nicht liegen.

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Diese Studie ist das Beste, was ich bis heute zum Thema „Social Software“ gelesen habe! Seine grundlegende Perspektive reicht weit über den Gegenstand „Social Software“ hinaus: es geht um die generelle Beziehung zwischen sozialen Prozessen und technologischen Entwicklungen, einen Alltag, der immer mehr zwischen offline und online oszilliert, die Frage, wie wir vom Internet als Tool profitieren und wie wir aus den sichtbaren Trends und Optionen das Beste machen können.


Der Autor argumentiert in „You Don’t Know Me, but …“ vehement gegen ein Denken in zwei separaten Welten: „A ‚two-world‘ view of the internet and everyday society has developed. We talk of a ‚virtual‘ and a ‚real‘ world, of actually ‚being‘ online, not expressions that one would use about watching television. However, such a view would not be recognized by most of the 42% of British people who use the internet at home. Most of these people do not seek to separate their lives into on and offline, instead using the internet to enrich their lives as a whole. Moreover, this two-worlds vew has prevented us from oxtracting the full social benefits from this technology.“

Mit diesem Schwarz-Weiss-Denken, so der Autor, wird man dem Potenzial von „Social Software“ nicht gerecht: „The premise of social software is that online and offline interaction can complement each other, rather than replace each other. social software will not create some virtual community wholly separate from day-to-day life, but nor will it suddenly conjure social capital out of thin air. What’s required is a calm analysis of how everyday social networks function, how they occasionally let us down, and how the internet may provide a better form of connectivity than otherwise exists.“

Diese „calm analysis“ liefert die Studie. Zwei Gesichtspunkt stehen dabei im Vordergrund: „the size of a social network“ und „the codification of its communication“. In den entsprechenden Kapiteln wird herausgearbeitet, in welchen Punkten sich online und offline Interaktionen unterscheiden, und wo die Gemeinsamkeiten liegen. Ich kann an dieser Stelle nicht auf weitere Details eingehen – markierte und unmarkierte Textstellen halten sich die Waage!

Sympathisch ist, dass der Autor sich nicht in einzelnen Tools oder Produkten verliert. Ob Wikis und Blogs oder Meetup und Friendster, sie werden kurz erwähnt, aber größeren Fragen untergeordnet: Fragen nach „reputation“, „trust“, „cultural rules“ und „tacit communication“, um nur einige Stichworte zu nennen.

Eine der interessanten Beobachtungen des Autors möchte ich trotzdem noch erwähnen: „What much of this suggests is that social software’s prime function for social networks may not be, as it once appeared, overcoming distance. Instead, social software is especially valuable when used between people who meet regularly anyway.“ Und: „It seems plausible that social software is most closely integrated into our everyday social lives in the way that it connects those who already know one another.“

Ich will an dieser Stelle abschließen. Über einige Implikationen dieser Thesen, z.B. für e-learning, muss ich selbst noch mal in ruhiger Stunde nachdenken. Die Botschaft des Autors ist jedenfalls: „Social Software“ kann einen wertvollen Beitrag in unserem Beziehungsnetzwerk leisten, indem sie uns hilft, Netzwerke auf- oder auszubauen, die wir mit den bestehenden, traditionellen Möglichkeiten nicht auf- oder ausbauen können. Nicht mehr und nicht weniger. Ein MUST-READ!
William Davies, The Work Foundation, Mai 2003
[Kategorien: Social Software, Social Networks]