Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

The Ultimate Survival Skill for The Information Age

Ich bin sehr vorsichtig bei Artikeln, die in der Einleitung ausführlich „the rapid rate of change“ betonen und mir vorrechnen, dass im Jahr 2020 „the rate of knowledge will double every 35 days“. Das sind Bedrohungsszenarien, die in dieser verkürzten Form unsinnig und überflüssig sind, und so möchte ich den Artikel von Dave Kahle auch nur bedingt und mit einigen Einschränkungen empfehlen.

Vorneweg: Dave Kahle hat eine zentrale Botschaft, die er loswerden möchte:
I believe there is one core skill which will define the most successful individuals. It’s the ability and propensity to engage in self-directed learning. The only sustainable effective response to a rapidly changing world is cultivating the ability to positively transform ourselves and our organizations. And that’s the definition of self-directed learning.“

Wie er jedoch auf diese Kompetenz hinführt und sie beschreibt, dass ist – um es vorsichtig zu sagen – verkürzt, aber leider nicht ganz untypisch. Ich will versuchen, das an vier Punkten darzustellen.

1. „Change“ als Bedrohung?
Auf meine Bauchschmerzen mit einem Bild von „change“, das in erster Linie Unsicherheit und Angst verbreiten soll, bin ich bereits eingegangen. Das sind Phrasen. Und diese Phrasen werden auch nicht besser, wenn ich permanent darauf hingewiesen werde, dass es um nichts Geringeres als „survival“ geht.


2. Lernen als „competitive advantage“?
Es geht in diesem Artikel um Wettbewerb und Märkte. „Change“ ist der Treiber, der den Umschlag von Ideen und Produkten auf diesen Märkten immer weiter beschleunigt. Vor diesem Hintergrund wird Lernen konsequent zum Wettbewerbsfaktor, zum individuellen oder unternehmerischen „unique selling point“.

In this new economy, those who survive and prosper will be those who know how to learn, and who do so faster and more systematically than their competitors.“

Lernen ist eingebettet in ein „survival of the fittest“. Wir müssen nicht nur lernen um zu bestehen, wir müssen schneller lernen als unser Kollege oder Mitbewerber, um in der Wissensökonomie überleben zu können. Was in diesem Bild nicht beschrieben wird, ist ein Ziel, für das wir immer mehr und immer schneller lernen. Geht es „nur“ ums Überleben? Welche Rolle spielt noch der Fortschritt, der Fortschritt zum Besseren? Denn was soll „Change“, wenn wir uns als Individuen und soziale Organisationen nicht weiterentwickeln?

3. „Self-directed learning“ als individuelles Lernen?
Lernen – eingebettet in ein Szenario aus Change, Wettbewerb und „survival“ – ist primär individuelles Lernen. Es erlaubt vielleicht strategische Bündnisse auf Zeit, und auch Dave Kahle beschreibt z.B. „Learning Groups“ als eine Möglichkeit, um aus einer Organisation eine lernende Organisation zu machen. Aber ansonsten spielt Lernen als sozialer Prozess in diesem Bild keine explizite Rolle.

4. Lernen ohne Erfahrung?
An einer Stelle gibt Kahle eine strategische Empfehlung, wie „self-directed learning“ in ein Unternehmen oder eine Organisation eingeführt werden soll:

Imagine that you have written the history of your company or your career on a blackboard. You have every decision, every strategy, every success and every failure noted in detail. The sum of this experience provides the rationale for why and how you do everything that you now do.
Now, take a wet towel, and wipe the board clean. Erase the past. As you do so, you eliminate the unspoken acceptance of the way things are, and replace it with the new understanding that things may not be the way they should be
.“

Ich glaube, dass sich die meisten Unternehmen nicht zu viel, sondern zu wenig mit ihrer Vergangenheit beschäftigen. Wo findet denn – in einer Zeit der „sucess stories“ und „best practices“ – die interne und externe Auseinandersetzung mit fehlgeschlagenen Projekten statt? Wer kann oder will sich die Erfahrung aus vergangenen Projekten noch leisten, wenn es um vierteljährliche Geschäftsergebnisse und jährliche Zielvereinbarungen geht? Und was wäre hier für ein Lernpotential, wenn ich z.B. nur an die Einführung von e-Learning denke! Oder an die Frage, wann man welches Learning Management System einsetzt! Natürlich können Routinen und Regeln, wenn sie nicht immer wieder überprüft und angepasst werden, jede Entwicklung hemmen, aber einfach „wipe the board clean“?

Dave Kahle, The Training Foundation, 27 März 2004
[Kategorien: Trends in der Weiterbildung]