Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

WGMU-Tagung „e-Learning“

Am Donnerstag hatte ich das Vergnügen, in Dresden zu sein. Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Marktorientierte Unternehmensführung (WGMU) tagte zum Thema „E-Learning“ und hatte auch mich eingeladen zu präsentieren. Es war ein sehr komprimiertes, praxisorientiertes Programm mit einer Reihe interessanter Unternehmensbeispiele. Das Spannendste waren aus meiner Sicht die Parallelen: Viele Großunternehmen haben in den neunziger Jahren kräftig in e-Learning (CBTs, WBTs, Multimedia) investiert und sind seit Beginn 2002 dabei, die vielfältigen Entwicklungen kritisch auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre hat ihre Spuren hinterlassen: Das Trainingsvolumen wurde vielerorten deutlich zurückgefahren, und Investitionen in die Weiterbildung stehen auf dem Prüfstand. So ist es wenig überraschend, dass Weiterbildung häufig wieder zentral gesteuert wird, um sie stärker an die strategischen Unternehmensziele zu binden. Vor diesem Hintergrund sind quer durch die verschiedenen Branchen einige Gemeinsamkeiten zu beobachten, was die gegenwärtige und zukünftige Rolle von e-Learning betrifft, z.B.:
– das Bestreben, verschiedene parallele Lernplattformen im Unternehmen durch eine einheitliche Lerninfrastruktur abzulösen;
– dabei spielen die Anforderungen an ein transparentes und unternehmensweites Reporting und Controlling aller Bildungsaktivitäten eine immer wichtigere Rolle;
– der Einsatz von Authoring Tools, um schnell up-to-date Inhalte anzubieten;
– das gezielte Lernen am Arbeitsplatz, sowohl in der Form des „Just-in-Time“-Lernens als auch um Leerzeiten zu nutzen;
– die Betonung des selbständigen und eigenverantwortlichen Lernens.

Übereinstimmend wurde festgehalten, dass e-Learning heute ein integraler Bestandteil der Weiterbildung ist und seine Bedeutung in den nächsten Jahren wachsen wird. So will z.B. die Lufthansa ihren gegenwärtigen e-Learning-Anteil von 10% auf 17% in 2004 herauffahren. Man wird sehen!


Kurz einige Eindrücke:

Armin Töpfer, Gastgeber und Leiter des Lehrstuhls für Marktorientierte Unternehmensführung an der TU Dresden, gab zum Einstieg einen Überblick über die gegenwärtige e-Learning-Nutzung, indem er Zahlen und Ergebnisse aus verschiedenen Marktstudien präsentierte. Einige seiner „10 aktuellen e-Learning-Trends“:
– E-Learning erschließt kleinere Märkte.
– Tutoren erhalten eine Schlüsselposition. (Kom.: Glaub ich so nicht.)
– Lernen in der Freizeit ist kein Tabu.
– Wissensmanagement und problemorientiertes Lernen sind innovative Ansätze. (Ja!)
– Kostenlosen Wissensmanagement-Applikationen gehört die Zukunft. (Das ist interessant, aber leider vieldeutig!)

Wolfgang Uhr, Inhaber des Lehrstuhls Informationssysteme in Industrie und Handel an der TU, stellte die „BWL Lernsoftware Interaktiv“ (hier weitere Infos und Demoversionen) vor, die offensichtlich bereits erfolgreich auf dem Markt platziert werden konnte.

Heiko Müller, Leiter des Bereichs Strategisches Personalmanagment der Douglas Holding, erzählte, wie ein Verkaufstraining erfolgreich als e-Learning eingeführt wurde – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen vor Ort (Sport Voswinkel). Überraschend allerdings, dass dem erfolgreichen Pilotprojekt und nachgewiesenen Kosteneinsparungen bis heute kein weiteres Projekt in der Douglas Holding folgte!

Wolfgang Reichelt, thinkhouse, vertrat die Anbieterseite. Er beschrieb umfassend die Erfolgsfaktoren einer e-Learning-Einführung und ging ausführlich auf die einzelnen Zielgruppen und Stakeholder ein. Sein zentrales Credo: „Die Implementierung von E-Learning ist in erster Linie ein Organisationsentwicklungsprozess.“ Aus Sicht der Akteure ist es aber auch ein „psycho-sozialer Prozess, der Zeit braucht.“

Die E.ON Academy ist die Corporate University für ca. 850 Führungskräfte des Konzerns. Geschäftsführer Volker Wiegmann stellte das E.ON Intercultural Effectiveness Training vor. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind es Online-Bausteine der Firma TMA, die E.ON in ihrem Kursprogramm einsetzt. Auch die E.ON Academy plant darüber hinaus die Einführung einer zentralen e-Learning-Plattform, um ihre online-Angebote weiter zu bündeln und auszubauen. Sehr interessant waren die Anmerkungen zu den besonderen Ansprüchen seiner Klientel (Führungskräfte).
(Fast noch interessanter ist der Vortrag „Evaluation von Corporate E-Learning bei der E.ON Academy“ (pdf), den Volker Wiegmann am 8./9. Oktober in St.Gallen gehalten hat!)

Kai-Holger Liebert, Siemens Learning Campus, nahm eine kleine Zeitreise („die Zeitalter des E-Learnings bei Siemens“) vor, um schließlich beim e-Learning im Zeitalter der Globalisierung zu landen. Spannend hier vor allem die Informationen über die Ziele des Learning Campus bei Siemens, der seit diesem Jahr die vielfältigen Aktivitäten in der Weiterbildung des Konzerns bündeln soll und im nächsten Jahr bereits die Matrix-Organisation (Regionen & Bereiche) mit einem neuen Programmportfolio bedienen will. Hört sich sehr anspruchsvoll an und die LC-Lernarchitektur erinnerte stark an eine Learning Factory, die nach klaren Standards und Regeln „Massenbildungsproduktion“ betreibt. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.

Silke Lehnhardt leitet die Lufthansa School of Business und stellte die Erfahrungen der Lufthansa mit e-Learning vor. Aus ihrer Sicht ist e-Learning Teil einer neuen Lernkultur und eines neuen Lernverhaltens, die sich durch folgende Merkmale auszeichnen:
– Nutzung des IT-gestützten Lernens
– Selbständiges, eigenverantwortliches Lernen
– Gezielte Lernprozesse am Arbeitsplatz
– Lernen zuhause
– Mobiles Lernen
– Aktiver Teilnehmer am internen Wissensaustausch
Ihr Ausblick auf e-Learning war optimistisch und stark von den Chancen geprägt, die aus ihrer Sicht neue Technologien zur Steigerung der Lerneffizienz und –effektivität bieten. Konsequenterweise ist e-Learning auch Teil des strategischen „D-Check-Projekts“ der Lufthansa.