Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

„Lern-Landschaften“ in Freiburg

Am Freitag standen bei mir die „Lern-Landschaften“ auf dem Programm. Freiburg hatte zum 1. Lernkongress ins Konzerthaus eingeladen, und neben mir waren wohl an die 200 Teilnehmer, Referenten und Aussteller dieser Einladung gefolgt. Immerhin hatten sich bekannte Größen wie Heinz Mandl und Andrea Back als Referenten angesagt, und IBM, die DGfP, NETg und andere Anbieter füllten den „Innovationspark“ des Konzerthauses.

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„Lern-Landschaften“ – (noch) ohne Profil

Der Kongress wird es in dieser Form schwerhaben. Er köderte mit „Lern-Landschaften“, und welcher Veranstaltungsort könnte das besser als Freiburg? Er versprach im Untertitel, sich dem Thema „Innovatives Lernen in Organisationen“ zu widmen, und formulierte im Willkommensgruß schließlich das Ziel, „über Formen und Prozesse, über Inhalte und Angebote, Rahmenbedingungen und Erfolgskriterien des Lernens in Organisationen zu informieren“. Damit war nun fast jedem Referenten und Aussteller eine Heimat geboten! Und so war es denn auch: Viele Botschaften waren in meinen Augen alles andere als „innovativ“, und einige Referate hatten mit Lernen oder Weiterbildung gar nichts zu tun. Nur ein Beispiel: Sascha Armutat referierte über den Beitrag der DGfP zur „Professionalisierung für das Personalmanagement“. Ohne Zweifel ein interessanter und höchst kompetenter Beitrag, aber ohne die geringste Verbindung zum Thema der Veranstaltung – und leider kein Einzelfall. Die „Lern-Landschaften“ haben sich mutig im Veranstaltungskalender zwischen St.Gallen, Saarbrücken, Bonn und Berlin gesetzt. Wenn sie in dieser Nische mehr als ein Zwischenstopp für einige Referenten sein wollen, müssen sie ihren Beitrag zum herbstlichen Konferenzkalender klarer konturieren – und der Vorgabe dann auch treu bleiben. Sonst wird der 8. 10. 2004 kaum noch Interessenten locken.

Innovatives Lernen und e-Learning

Wahrscheinlich ist das Dilemma der Konferenz zugleich die Krise, in der e-Learning heute steckt. Man will über innovatives Lernen diskutieren, aber den Begriff e-Learning vermeiden. e-Learning ist das Unwort 2003, für Aussteller und Besucher gleichermaßen – und doch ist es immer noch der gemeinsame Nenner, auf den sich alle verständigen können. Selbst in der Abgrenzung! So ist es kein Wunder, dass die Mehrzahl der Referenten und Aussteller sich dem e-Learning, pardon: „Blended Learning“, „Wissensnetzwerke“, „Lern- und Informationssysteme“ etc., widmeten. Abseits der e-Learning-Pfade scheint es heute schwer, innovatives Lernen zu entdecken! Vor allem, wenn sich der Veranstalter selbst unsicher ist und jede Definition und Grenzziehung gegenüber Ausstellern und Referenten vermeidet!


Das Plenum

Edmund Kösel von der PH Freiburg sprach über „Transfer oder Resonanz? Eine didaktische Entscheidung bei Lehr und Lernprozessen“. Es war die „klassische“ Vorlesung als Einstieg: keine Folien, keine begleitenden Medien, es gilt das gesprochene Wort! Seine wichtigste Botschaft war, dass der klassische Transfer-Begriff (eine Person überträgt das Gelernte in eine andere Situation) der Wirklichkeit autopoietscher Systeme wie Unternehmen oder Personen nicht gerecht wird. Stattdessen will Kösel lieber von Resonanzen und von der Resonanzforschung sprechen. (Sorry für die Kürze, aber wer sich ausführlicher mit Edmund Kösel, Luhmann’scher Systemtheorie und Konstruktivismus auseinandersetzen will, der findet hier weitere Infos) Leider fiel der Praxis-Beitrag von Herrn Kösel aus – und etwas Praxis hätte dem (weitgehend) geschlossenen System des Referenten gutgetan!

Heinz Mandl, Ludwig-Maximilian-Universität München, referierte über die „Implementation von E-Learning“. Ein routinierter Vortrag, der die Erfahrungen eines e-Learning-Projekts bei ALTANA zusammenfasste, aber leider wenig Neues für die brachte, die sich schon länger mit dem Thema e-Learning beschäftigen. Immerhin eine nützliche Übersicht über die Phasen und Maßnahmen des entsprechenden Implementationsprozesses bei ALTANA (Initialisierung, Bedarfsanalyse, Konzeption, Systemauswahl, Realisierung, Evaluation).
Den Vortrag von Heinz Mandl gibt es übrigens an anderer Stelle im Netz (pdf).

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Meine Lieblingsgrafik: Mandl (2002)

Nach ihm stellte Gerd Feninger von der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH den Praxisfall „e-Learning“ vor. Er plädierte für e-Learning als Bestandteil einer ganzheitlichen Qualifizierung (kompetenzbasiertes HR Management) und stellte in diesem Zusammenhang das Kompetenzprofiling der BSH vor. Am Beispiel des Projektmanagers beschrieb er die entsprechenden Rollenprofile und den Prozess, der von der Soll-/Ist-Analyse des Mitarbeiters zum entsprechenden Trainingsbaustein führt. Eine spannende Sache, vor allem, wenn die Prozesse und Workflows auch technisch miteinander verknüpft sind (LMS) … Übrigens: Auch Gerd Feninger versuchte, e-Learning zu „entgrenzen“, und das Lernen im Zusammenhang netzbasierter Informations- und Qualifikationsprozesse zu sehen.

Andrea Back von der Universität St.Gallen lieferte für mich den interessantesten Beitrag, eine informative und unterhaltsame Verknüpfung von Theorie und Praxis des Wissensmanagements! Ihr Titel: „Vom Wissensmanagement zum Wissensnetzwerk„. Nach der Klärung einiger grundlegender Begrifflichkeiten stellte sie Knowledge Network – Beispiele vor – wobei ich den Unterschied zwischen Communities of Practice und Knowledge Networks im Vortrag etwas unscharf fand. Jedenfalls hat St. Gallen seine Überlegungen in einem Praxishandbuch (MERLIN) zusammengefasst und in verschiedenen Projekten erfolgreich angewendet. Die zukünftigen Aufgaben von Wissensmanagement sieht Andrea Back in der „Workplace eCollaboration“, der Vernetzung einer flexiblen, autonomen, verstreuten und virtuellen Belegschaft – der Wissensmanager als Netzwerker.
Zugängliche Publikationen: „Zum Verhältnis von eLearning und Wissensmanagement in Unternehmen“ (pdf, 2002), „E-Learning durch Wissensmanagement bereichern“ (pdf, 2002)

Abschluss

Der Kongress schloss mit zwei „Ereignissen“: einem Vortrag von Helmut Fuchs über „Lernen mit Lust und Motivation“, den ich unmöglich beschreiben kann. Aber wer Helmut Fuchs noch nicht erlebt hat, der sollte so schnell wie möglich diese Lücke schließen! Es lohnt sich! Und dann durften wir noch unmittelbar selbst erfahren, was „Schwarmintelligenz“ bedeutet …